Branchendynamiken als Chance nutzen

Innovationen sind der Lebensnerv für Unternehmen im Bereich Life Sciences, sagt Dominik Hotz. Aufgrund des starken Kostenwachstums im Gesundheitswesen stehen pharma­zeutische Unternehmen und Spitäler weltweit wie auch in der Schweiz unter hohem Reformdruck. Für den Leiter Pharma und Life Sciences bei PwC Schweiz sind Investitionen in digitale Technologien und in die Zusammen­arbeit mit den verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen nötig, damit Unternehmen aus der Schweiz auch in Zukunft im globalen Wettbewerb zur Weltspitze gehören.

«Die Interessen der Akteure im Gesund­heits­wesen nähern sich an, die Patienten rücken in den Fokus.»

Life Sciences sind äusserst vielfältig und interdisziplinär. Wie definieren Sie diesen Begriff?



Im Kern geht es um die Gesundheit von lebenden Organismen, also von Pflanzen, Menschen oder Tieren. Darunter fallen die Aktivitäten der pharmazeutischen Industrie, der Spitäler und des Gesundheitssektors – ein Bereich, der starkes Wachstum aufweist und in den viele Unternehmen drängen – oder auch Unternehmen, die im Agrarsektor tätig sind, etwa in Bezug auf Saatgut. 


Weshalb sind Schweizer Unternehmen in der Branche so erfolgreich?



Die Schweiz verfügt seit je über einen sehr kleinen Heimmarkt. Das zwang die Unternehmen schon früh, über die Grenzen hinaus zu expandieren und gleichzeitig Talente von ausserhalb zu holen. Daraus entwickelte sich die heutige Unter­nehmens­kultur in vielen grossen, global tätigen Unternehmen. Das gute Ausbildungssystem in der Schweiz mit den technischen Hochschulen und Universitäten, die den Austausch mit dem Ausland und mit der Praxis fördern, sind ein guter Nährboden. Die Stabilität des Wirtschaftsstandorts Schweiz und die damit einhergehende langfristige Plan­bar­keit sind namentlich in der Pharmaindustrie mit ihren langen Produktionszyklen von Bedeutung. Denn von der Idee bis zur Marktreife eines Medikaments dauert es im Schnitt zehn Jahre.   


Die grosse Mehrheit der Unternehmen ist global tätig. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus der zunehmenden Globalisierung?



In erster Linie ist die hohe Dynamik im Markt eine Chance, die es zu nutzen gilt. Die Herausforderung besteht darin, ein attraktiver Partner für Akteure auf der ganzen Welt zu sein und zu bleiben, denn die Konkurrenz sitzt nicht nur im Inland. Mit der Globalisierung steigt die Mobilität unter den Spezialisten. Das verstärkt den internationalen Wettbewerb um die besten Talente. Innovationen, auf die Schweizer Unternehmen angewiesen sind, finden überall auf der Welt statt. Um mithalten zu können, sind Kooperationen und Wissenstransfer ebenso nötig wie Investitionen in neue digitale Technologien.

Digitalisierung ist also auch im Bereich Life Sciences ein Schlagwort. Welche Technologien und Innovationen begeistern Sie am meisten?



Applikationen, die den Krankheitsverlauf beobachten und überwachen können und Anwendungen, die den Dialog von behandelndem Arzt und Patient vereinfachen und verbessern. Diese Applikationen haben nicht nur einen unmittelbaren Nutzen für Patienten. Die von ihnen gesammelten Daten erlauben es Ärzten und Forschern auch, neue Erkenntnisse über eine Krankheit und ihre Behandlung zu gewinnen und tragen dadurch zu innovativen therapeutischen Behand­lungen und medizinischen Produkten bei.

Warum ist die Schweiz im internationalen Vergleich trotz starkem Franken und eingeschränkter Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland ein attraktiver Standort?



Die Tatsache, dass internationale Firmen grosse Summen in Schweizer Produktions­stätten investieren, zeigt, wie sehr der Standort geschätzt wird. Ich sehe vier Faktoren für die Attraktivität: Erstens die hohe Dichte an global agierenden Unternehmen im Cluster Life Sciences, zweitens die hohe Lebensqualität, die es – drittens – erlaubt, Talente aus der ganzen Welt in die Schweiz zu holen, und viertens die politische und wirtschaftliche Stabilität, die eine hohe Planungssicherheit bietet. 


Welchen Einfluss haben Bevölkerungs­wachstum, zunehmende Lebenserwartung und steigende Ausgaben im Gesund­heits­wesen auf Dynamiken innerhalb der Branche?



Bevölkerungswachstum und steigender Wohlstand führen zu einer höheren Nachfrage nach Gesundheits-Dienstleistungen und Pharmaprodukten. In den OECD-Ländern betragen die Ausgaben für Gesundheit bereits rund 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Sie wachsen deutlich schneller als die Wirtschaft als Ganzes. Allen Akteuren im Gesundheitsmarkt ist bewusst, dass diese Entwicklung nicht nachhaltig ist. Pharmaunternehmen sind unter Preis- und Margendruck geraten, Leistungserbringer und Spitäler haben effizienter und effektiver zu arbeiten. Wir beobachten auch verstärkte Fusionsaktivitäten, intensivere Zusammenarbeit und Partnerschaften zwischen Unternehmen und Spitälern.

Welche kurz- und langfristigen Trends und Entwicklungen sind in diesem Cluster für Unternehmen in der Schweiz zu erwarten?



Zum einen ist es die angesprochene, zunehmende Kon­ver­genz. Die Interessen der Akteure im Gesundheitswesen nähern sich an, die Patienten rücken in den Fokus. Zum anderen der Einfluss der digitalen Technologien. Der Austausch von Patientendaten verbessert die Behandlung. Biostatistische Methoden ermöglichen, Wirkungsanalysen über Therapien anzustellen. 


Die konsequent hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung zahlen sich für Schweizer Unternehmen im inter­nationalen Vergleich aus. Wo hat die Schweiz Aufholbedarf?



Politische Unsicherheiten sind potenziell gefährlich und der bereits erwähnten langfristigen Planungssicherheit abträglich. Die Schweiz tut gut daran, diese Unsicherheiten zu begrenzen. Mittelfristig müssen wir Lösungen für eine OECD-konforme Steuergesetzgebung sowie für eine verfassungskonforme Einwanderungspolitik finden. Diese erlauben es weiterhin, dass Talente aus der ganzen Welt die wissenschaftliche und wirtschaftliche Dynamik in der Schweiz stärken. Aus einer Life-Sciences-Perspektive sollte die Schweiz ferner darauf achten, ihren Spitzenplatz bei Bildung und Ausbildung zu halten und zu stärken, einheitliche Standards für Gesundheitsdaten zu setzen, und eine stärkere überkantonale Zusammenarbeit im Gesundheitswesen anzustreben.

Welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema «Leben» ein?

Lachen – Entdecken – Wertschätzen

Dominik Hotz
Leiter Pharma und Life Sciences, PwC Schweiz


Dominik Hotz ist Partner und Leiter Life Sciences bei PwC Schweiz. Aus einer Apotheker­familie stammend, kam er schon in jungen Jahren mit den Themen der Branche in Kontakt. Hotz hat in München und an der London School of Economics and Political Sciences Philosophie und Volkswirtschaft studiert. Nach Stationen in der Pharmaindustrie und bei Biotech-Unternehmen kam er vor elf Jahren zu PwC in die Unternehmensberatung. Seit 2015 leitet Hotz ein interdisziplinäres Team von Spezialisten, das ganzheitliche Beratungs­dienstleistungen für den Life-Sciences-Sektor erbringt.

Aktuelle PwC-Studien zum Thema Life & Science:

20th CEO Survey:
Pharmaceuticals & Life Sciences key findings

Medical cost trend:
Behind the numbers 2018

2017 Pharmaceuticals and Life Sciences Industry Trends:
Ways to manage data, value medical treatments, and engage with patients in the New Health Economy

Ambulant vor stationär.
Oder wie sich eine Milliarde Franken jährlich einsparen lassen.

What doctor?
Why AI and robotics will define New Health