Anat Bar-Gera Yoomee
Text: Redaktion «ceo Magazin»/Bilder: Markus Bertschi, Karel Noppe, AfricaImages, HASLOO, MShep2

Wie das Internet Afrika verändert

Der Markt für Mobil­telefonie und mobiles Internet wächst nirgends so schnell wie in Afrika. Der Zugang zu dieser Technologie eröffnet breiten Schichten neue Möglich­keiten, Einkommen zu generieren, zu lernen und sich mit der Welt zu verbinden. Die in der Schweiz lebende Unter­nehmerin Anat Bar-Gera hat in diesem Wachstums­markt Fuss gefasst.

«Die Zeiten ändern sich, die Welt wird digital.»

Frau Bar-Gera, Sie haben in Ihrer bishe­rigen Lauf­bahn eine Firma nach der anderen gegründet. Was treibt Sie an?

Ich liebe meine Arbeit. Ich hatte Glück: Die Firmen habe ich alle zusammen mit meinem Mann gegründet – selbst ein kreativer Unternehmer. Zudem durfte ich am Insead in Fontainebleau studieren, traf dort und später in der Schweiz motivierte Leute und fand schliesslich den Weg in die Tele­kommuni­kations­­branche. Die Chancen, die sich boten, habe ich genutzt. Mich treiben die enormen Möglich­keiten an, die sich in Afrika bieten.

Was macht den Kontinent für Sie so interessant?

Die Demografie und das Potenzial! Afrika ist jung, die Hälfte der Bevölkerung weniger als 20 Jahre alt. Nirgends auf der Welt wächst diese Alters­gruppe so schnell. Diese jungen Leute helfen, dass sich Afrika entwickelt. Im Durch­schnitt haben wir dort ein Wirtschafts­wachstum von 5 % bis 7 % pro Jahr.

Da spielt aber auch ein wenig Hoffnung mit.

Sie ist begründet: Wir sehen derzeit, wie sich in vielen Ländern eine rasch wachsende Mittel­klasse herausbildet. Deren Konsum­bedürfnisse beflügeln die Wirtschaft. Und die Leute ziehen vom Land in die Städte. Der Ausbau der Infrastruktur hält oft nicht mit der fortschreitenden Urbanisierung mit. Es gibt nach wie vor das grosse Problem der Armut, eine hohe Arbeitslosig­keit, gerade auch unter den Jungen, und vielerorts eine mangelhafte Gesundheitsv­ersorgung.

Wird Afrika in Bezug auf seine Entwicklung das neue China?

Das Potenzial ist da. Bis 2025 wird Afrika das weltweit grösste Reservoir an Arbeits­kräften haben. Bildung ist ein wichtiges Thema. Wenn diese Menschen über das nötige Wissen und die Erfahrungen verfügen, wird es aufwärts gehen. Es braucht aber auch ein Umfeld, das die Entwicklung begünstigt, und Investoren, wie wir es sind, ins Land bringt. Heute sind es vor allem Chinesen, die sich in grossem Stil in Afrika engagieren.

Welche Faktoren sind grundlegend für ein solches Umfeld?

Ein stabiles Finanz­system und eine verlässliche Rechts­ordnung, Regulierung, die transparent und gerecht ist, ein adäquates Steuer­system, freier Devisen­verkehr und vieles mehr. Ausländische Investoren schauen sehr genau auf solche Rahmen­bedingungen. Sie wollen nicht einfach nur Know-how ins Land bringen, sondern Werte schaffen und letztlich auch Geld verdienen.

Sie sagten es schon, ein Pfeiler der Entwicklung ist die Infrastruktur. Welche Bedeutung hat dabei die Tele­kommunikation?

Viele afrikanische Volks­wirtschaften basieren immer noch auf der Verwertung natürlicher Rohstoffe. Doch die Zeiten ändern sich, die Welt wird digital. Ein fruchtbares Ökosystem zu schaffen, das den Schritt in das digitale Zeitalter ermöglicht, ist dabei eine vordringliche Aufgabe. Neben der Anbindung eines Landes an die existierenden Unterwasser-Kabel zu fairen Preisen, welche von den Regierungen und ihren Regulierern gewährleistet werden muss, ist es die Fein­versorgung im Land. In den Ländern, in denen wir tätig sind – bisher sind das die Elfen­bein­küste und Kamerun –, helfen wir mit, dass möglichst viele den Anschluss an das Internet erhalten und so Zugang zu Wissen und Innovationen bekommen. Ziel ist es, mit sinnvollen und nützlichen Diensten den digitalen Graben zu verkleinern und dereinst ganz zu schliessen.

«Mich treiben die enormen Möglich­­keiten an, die sich in Afrika bieten.»

Was braucht es dafür an Technologie?

Unsere Firma setzt als Tele­kommunikations­betreiber auf die Versorgung mit Breitband­­anschlüssen über das mobile 4G/LTE-Netz. Die nötige Infrastruktur finanzieren wir. Mit einer guten Verbindung – welche wir bieten – kann man skypen, Sport, Spiele und Unterhaltung streamen, Cloud-Dienste nutzen und natürlich Geschäfte betreiben. Günstige Prepaid-Karten für Daten­pakete und kleine Modems ermöglichen einen einfachen Zugang. Künftig werden die Empfänger für diese Dienste sogar direkt in den Smartphones eingebaut sein.

Den digitalen Graben überwinden tönt einfach. Wie geht das konkret?

Wir haben erkannt, dass ein Anschluss allein nicht genügt. Die Menschen brauchen Gründe und Anreize, um online zu gehen. Also schaffen wir lokale Inhalte, zum Beispiel ein Verzeichnis von Restaurants und Hotels, Adressen von Gewerbe­betrieben und Dienstleistern, Trans­port­­möglich­keiten, Fahrpläne von Zügen, Flugpläne und vieles mehr. Weil es kaum Bank­dienstleistungen für kleine Kunden gibt, sind einfache digitale Zahlungs­systeme im Vormarsch. In Zusammen­­arbeit mit PayPal bieten wir nun als erster Händler die Online-Zahlung in West­afrika an. Daraus ergeben sich weitere Geschäfts­möglichkeiten. Gerade von den kleinen und mittleren Betrieben geht ein enormer Multiplikator-Effekt aus. Und das hat für die gesamte Wirtschaft Folgen: 10 % mehr Internet­anschlüsse lassen das Brutto­inland­produkt um etwa 1,4 % ansteigen. Ein anderes Beispiel sind Hochschulen. Wenn wir auf einem Campus wie dem der Universität von Douala den Zugang ins Internet bieten, profitieren davon viele Studenten. Sie haben plötzlich Zugang zur Literatur und zur Wissens­basis im Internet sowie besseren Kontakt zu Freunden und Verwandten.

Wie kann eine Schweizer Firma wie ihre in Afrika Erfolg haben?

Die Schweiz als neutrales Land ohne koloniale Vergangen­heit wird nicht mit negativen Aspekten verknüpft. Das hilft uns. «Die Schweiz hat Uhren, Afrika hat Zeit», lautet ein Sprichwort. Vieles läuft anders als hier. Persönliche Beziehungen etwa sind sehr wichtig, um Geschäfte machen zu können. Man muss die Leute kennen, mit denen man zu tun hat. Wir wollen aber auch etwas zurückgeben: Mein Mann hilft in einem Waisenheim in Kamerun und beeinflusst das Leben der Kinder damit positiv. Auch die Unternehmen sind gefordert, sich zu engagieren, etwa durch Sponsoring.

Sie haben Freunde und wichtige Unterstützer für ihre Projekte gefunden. Wie wichtig sind solche Beziehungen?

Kontakte sind wichtig. Ich reise viel und trete auch regelmässig an Konferenzen auf. Freunde und Bekannte unterstützen uns in vieler Hinsicht. So sitzt Lord Paul Boateng, der erste Minister afrikanischer Herkunft in Gross­britannien, in unserem Verwaltungsrat, ebenso Nozipho January-Bardill, die frühere Botschafterin Südafrikas in der Schweiz, die heute für die UNO in New York tätig ist. Bis vor kurzem war auch Ekow Spio-Garbrah dabei. Der Diplomat wurde unter anderem als Handelsminister in die Regierung Ghanas berufen und musste deshalb ausscheiden.

«Die Menschen brauchen Gründe und Anreize, um online zu gehen. Also schaffen wir lokale Inhalte.»

Weshalb fokussieren Sie auf die Sub-Sahara-Region?

Wir haben unsere Basis sorgsam ausgesucht. Die Elfen­bein­küste erlebt derzeit einen beispielhaften Aufschwung. Und Kamerun ist ein stabiles Land. Wir sprechen hier von einer Bevölkerung von annähernd 800 Millionen Menschen in der Sub-Sahara Region. Davon gehört bereits etwa ein Drittel der Mittelklasse an oder hat die Chance, in diese aufzusteigen. Für uns stellt sich die Frage, ob diese Menschen den Anschluss ans Internet anstreben. Zu beobachten ist, dass sie aufs Internet gehen, sobald sie über das nötige Einkommen verfügen. Gerade unter den jungen Menschen gibt es viele «early adopters», die das wollen. Fakt ist, das diese Gruppe schon heute einen höheren Anteil ihres Einkommens für Tele­kommuni­kation ausgibt als etwa die Menschen in Europa. Mobilfunk spielt für sie eine wichtige Rolle. In vielen Städten ist die Versorgung mit Antennen schon sehr dicht. Dies auch in den ländlichen Gebieten zu schaffen, ist eine Heraus­forderung. Dort braucht es zunächst Elektrizität.

Wohin geht es als Nächstes?

Anhand einer Matrix mit mehreren Variablen suchen wir diejenigen Länder aus, die gute Voraussetzungen für den Markt­eintritt bieten. Ghana, Senegal und Mosambik stehen zuoberst auf der Wunschliste. Manchmal kommt das Glück auch von aussen. Auf uns kommen immer wieder Unternehmen zu, die mit uns eine Partner­schaft eingehen wollen. Angefragt wird YooMee Africa auch von den Regulierungs­behörden.

Der Hauptsitz Ihrer Firma befindet sich in einem Vorort von Zürich, Tausende von Kilometern vom operativen Geschäft entfernt. Wie kam es dazu?

Mein Mann und ich kamen nach unserer Ausbildung am Insead in die Schweiz, weil wir hier eine ausgezeichnete Möglichkeit bekamen, zu arbeiten. Nun leben wir hier mit unseren Kindern und es gefällt uns sehr. In den vergangenen Jahren haben wir einige Firmen im Bereich der Tele­kommunikation und Internetbetreiber gegründet – keines der Unternehmen hat einen rein schweizerischen Bezug. Den Entscheid, uns in Afrika zu engagieren, trafen wir aus dem Bauch heraus, nachdem uns ein Freund dazu motiviert hatte. Wir bewarben uns um eine Lizenz, bekamen sie und fingen einfach an.

Sie reisen sehr viel. Wie bringen Sie Privates und Geschäftliches unter einen Hut?

Für die Familie nehme ich mir Zeit. Die Abende und Wochenenden versuche ich freizuhalten, auch wenn das unser soziales Leben manchmal beeinträchtigt. Zum Glück ist unser Büro nicht weit von zu Hause entfernt. So oft es geht, begleite ich mein jüngstes Kind in die Schule und zu Fussball­spielen. Als Ausgleich zur Arbeit mache ich Yoga oder drehe eine Runde Stand-up-Paddling auf dem Zürichsee. Es bleibt aber auch noch Platz für andere Aktivitäten, zum Beispiel im Unicef-Schweiz-Verwaltungsrat. Dieses Engagement gibt mir eine besondere Befriedigung.

Anat Bar-Gera

Die ehemalige Juristin ist Verwaltungs­rats­präsidentin von YooMee Africa, einen Unternehmen, das drahtlose Breitband-Internet­­anschlüsse in mehreren Ländern Afrikas anbietet. Nach Beendigung des Jurastudiums erwarb sie ein MBA des Insead in Fontainebleau. Anat Bar-Gera ist heute Mitglied zahlreicher Gremien wie des World Economic Forum, des Global Agenda Council for the future of digital communication, von Insead Schweiz und UNICEF Schweiz. Zudem ist sie eine gesuchte Rednerin an Konferenzen und Kongressen. Zusammen mit ihrem Mann Dov hat sie bereits mehrere Tele­­kommuni­­kations-Firmen aufgebaut. Das Paar hat drei Kinder und lebt in der Nähe von Zürich.