Gilbert Ghostine, Geneviève Berger Firmenich
Text: Eric Johnson/Bilder: Markus Bertschi

Innovation liegt in der Luft

Aromen und Duftstoffe treiben Emotionen an, umgekehrt werden diese jedoch von der Wissenschaft angetrieben. Gilbert Ghostine und Geneviève Berger erläutern im Gespräch, warum sich ein altehrwürdiger Aromen- und Dufthersteller wie Firmenich dennoch im Hightech-Bereich bewegt.

«Gerüche sind das Haupt­geschäft unseres Unter­nehmens.»

Was ist die grösste technische Neuheit in der Aroma- und Duftstoffbranche?

Berger: Wir haben durch unser Know-how im Bereich olfaktorische Rezeptoren einen echten Durchbruch bei der Eindämmung unangenehmer Gerüche erzielt. In den letzten 30 Jahren hat unser Forschungsteam eine multidisziplinäre Entwicklungsplattform aufgebaut. Damit wollen wir üblen Körper- und Abfallgerüchen in Küche und Toilette entgegenwirken. Unsere anerkannte For­schung in diesem Bereich lebt von unserem wissenschaftlichen Know-how in mehreren Bereichen: analytische Innovation, Rezep­torbiologie, organische Chemie, sensorische und kognitive Wissenschaft, Duftstoff­entwicklung und -herstellung sowie Dosie­rungstechnologien. Unsere Technologie wirkt üblen Gerüchen entgegen, indem sie die Rezeptoren blockiert. So verhindert sie Gestank, anstatt den üblen Geruch mit einem Duft zu überdecken.

Und wozu ist dies gut?

Ghostine: Üble Gerüche sind weit mehr als eine persönliche Belästigung. Sie sind eines der grössten Gesundheitsprobleme in den Entwicklungsländern. Heute benutzen 2,5 Milliarden Menschen keine sanitären Anlagen, sondern verrichten ihr Geschäft im Freien. Dadurch breiten sich Krankheiten aus und die Umwelt wird beeinträchtigt. Zudem sind diese Menschen dabei Gefahren und Attacken ausgeliefert. Gerüche sind das Hauptgeschäft unseres Unternehmens: Wir wissen, dass viele dieser Menschen keine Toilette benutzen, weil sie den Gestank darin nicht aushalten. Deshalb sind wir eine Partnerschaft mit der Bill & Melinda Gates Foundation eingegangen. Gemeinsam wollen wir die Toilette neu erfinden und für mehr Hygiene sorgen. Unsere Vision ist es, den Menschen unsere bahnbrechenden Geruchs­kontroll­technologien in Form von bezahlbaren und wirksamen Toiletten­reinigungs- und Auffrischungsprodukten zugänglich zu machen, die diese am meisten benötigen. Indem wir die Reinigung und Nutzung von Toiletten angenehmer und beständiger gestalten, erhöhen wir die Toilettennutzung. Auf diese Weise helfen wir mit, das Leben von 800’000 Kindern zu retten, die jedes Jahr durch Krankheiten aufgrund mangelhafter Hygiene sterben.

«Die Natur ist unser weltgrösstes Chemielabor.»

Aromen und Duftstoffe sind also mehr als reiner Luxus?

Berger: Ja. Es sind wissenschaftliche Produkte. Wissenschaft ist unser Wachstums­motor. Deshalb investieren wir 10 Prozent unseres Umsatzes in die Forschung und Entwicklung – letztes Jahr belief sich dieser Betrag auf 320 Millionen CHF.

Wie bringen Sie Wissenschaftler dazu, für Sie zu arbeiten?

Berger: Die 10-Prozent-Investition in Forschung und Entwicklung ist interessant für sie. Dadurch erhalten sie Zugang zu erstklassigen Tools und zur nötigen Unter­stützung. Im «Maschinenraum» des Unternehmens zu arbeiten, ist ebenfalls attraktiv. Ich habe selber stets leiden­schaftlich gelernt, um die Grenzen der Wissenschaft zu überwinden. Denn ich will das Leben der Menschen verbessern. Deshalb bin ich entschlossen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten des wissenschaftlichen Bereichs von Firmenich zu erweitern. Nur so entwickeln wir Produkte, mit denen wir die grössten Herausforderungen der Welt von heute angehen können, etwa Fett­leibigkeit, Unterernährung oder den Zugang zu mehr Hygiene und sanitären Anlagen. Die jungen Wissenschaftler von heute wollen etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun. Die Neuerfindung der Toilette bietet dazu eine optimale Chance.

Gibt es weitere Beispiele?

Ghostine: Da wir ein privates Unternehmen sind, darf ich Ihnen nicht sagen, was sich in der Pipeline befindet. Eine Technologie kann ich trotzdem erwähnen: die «Geschmacks­modulation». Wir haben Aromen entwickelt, mit denen Nahrungsmittel ihren Geschmack behalten, obwohl sie weniger Zucker,nSalz oder Fett enthalten. Gerade letztes Jahr haben wir 100’000 Tonnen Zucker aus den Nahrungsmitteln und Getränken unserer Kunden entfernt. Das entspricht rund 500 Milliarden Kalorien, ganz ohne Abstriche in Bezug auf den Geschmack oder das Mundgefühl. Ein Kollateralnutzen davon ist aus einem ökologischen Gesichtspunkt die Tatsache, dass es dadurch 3000 40-Tonnen-LKWs weniger auf der Strasse braucht. Ein weiteres Beispiel: Damit wir sicherstellen können, dass die Welt in Zukunft über genügend Protein­quellen für eine gesunde Ernährung verfügt, suchen wir nach alter­nativen Proteinquellen – von Linsen und Hülsenfrüchten bis zu Insekten. Dabei müssen wir dafür sorgen, dass diese auch gut schmecken. So kann der Kunde gesunde Proteine auf nachhaltigere Weise geniessen.

Firmenich stellt viele natürliche Produkte her. Gibt es eine Zukunft für synthetische Produkte?

Ghostine: Synthetische, natürliche und biotechnische Zutaten haben alle ihren Zweck und ihre Funktion. Nur so können wir die Anforderungen der Kunden nach­haltig erfüllen. Die Natur ist das weltgrösste Chemielabor. Alles, was wir in unseren Labors tun, ist eine Nachahmung der Natur. Wir kopieren die Natur, um sie zu erhalten. Es besteht also genügend Platz für synthe­tische Produkte und «weisse» Biotechno­logie. Damit ergänzen wir unsere natürlichen Zutaten. Wir haben also noch für viele Jahre ausreichend wissenschaftliche Arbeiten und Herausforderungen in diesen Bereichen vor uns.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in zehn Jahren?

Ghostine: Wir sind im Familienbesitz und nehmen immer eine langfristige Sichtweise ein. Im Zentrum unseres Erfolgs der letzten 121 Jahre stehen drei Prinzipien:

  1. Unser ständiges Streben nach Spitzenforschung.
  2. Partnerschaften und Zusammenarbeit mit gleich­gesinnten Experten, um die Wirkung zu vergrössern.
  3. Unser ausgeprägtes Verantwortungs­bewusstsein gegenüber der Gesellschaft. Unternehmen können nicht florieren, wenn die Gesellschaft oder Umwelt um sie herum scheitert. Deshalb betreiben wir unser Geschäft so verantwortungs­bewusst wie nur möglich.

Zurück zu Ihrer Frage: Ich weiss nicht genau, was wir in zehn Jahren tun. Ich kann allerdings sagen, dass wir unser Unter­nehmen nach unseren Kernwerten und diesen drei Prinzipien führen werden.

Top -Team

Gilbert Ghostine wurde im Libanon geboren und hat dort studiert. Danach kletterte er die Karriereleiter beim Getränke­giganten Diageo hoch, bevor er Ende 2014 CEO von Firmenich wurde.

Geneviève Berger verfügt über einen Doktortitel in den Bereichen Physik, Human­biologie und Medizin. Sie war als Chief Science Officer bei Unilever tätig. Danach nahm sie Anfang 2015 bei Firmenich ihre Arbeit als Chief Research Officer auf.

Firmenich

Im Jahr 1900 kaufte der in Genf ansässige Fred Firmenich die Mehrheit am fünf Jahre alten Duftstoff­unternehmen seines Schwagers und ersetzte die Unternehmens­bezeichnung durch seinen Nachnamen. Das Unter­nehmen wechselte später in die Aromabranche. Heute erwirtschaftet es einen Umsatz von 3,2 Milliarden CHF und beschäftigt 6500 Mitarbeiter in einer Lieferkette rund um den Globus.

www.firmenich.com