Marc Forster Regisseur
Text: ceo Magazin/Bilder: zvg

Sein, nicht sein – oder virtuell sein

Auf der Kinoleinwand wie im TV erzählt Marc Forster unterhaltsame und bedeutungsvolle Geschichten. Die Technologie beeinflusst Kino und Fernsehen gewaltig, so Forster, aber die Kunst spielt nach wie vor eine wichtige Rolle.

«Filmisches Geschichten­erzählen und Virtual Reality vermischen sich.»

In Hollywood, einem Ort der mächtigen Egos, ist Marc Forster erfrischend frei von Selbstherrlichkeit. Nein, der Film ist nicht das Wichtigste im Leben. Die meisten Menschen haben nie bewegte Bilder gesehen, so Forster. «Zum Überleben braucht der Mensch nur sehr wenig – und ganz sicher keine Filme.» Aber ganz tief innen drin, so fügt er hinzu, möchte jeder Geschichten erzählen oder zumindest hören. «Schon in der Ur- und Frühgeschichte bemalten die Menschen die Höhlen­wände. Wir haben ein angeborenes Verlangen danach, Geschichten zu erzählen. Dieser Drang wird in Bildern lebendig – das war schon immer so.»

Auch das Leben und der Tod sind seit je klassische Erzähl­themen, insbesondere in Forsters Filmen. Hier steht die Sterblichkeit oft im Zentrum; das ist kein Zufall. Bereits mit Anfang 20 verlor der heute 48-Jährige seinen Vater, einen Bruder und mehrere Freunde. «In meiner Jugend war ich oft mit dem Tod konfrontiert», erinnert er sich.  «So wurde der Umgang damit zu einem Teil meines Selbst.»

«Der Tod ist ein unabwend­barer Schritt auf unserer Reise. Aber er ist etwas, über das niemand nach­denken will.»

Der fehlende Umgang mit dem Tod hingegen ist inzwischen zum Symptom der modernen Gesellschaft geworden. Für Forster haben westliche Kulturen das verloren, was er «Recht auf den Tod» nennt. Anstatt die un­ver­meidliche Vergäng­lichkeit des Menschen anzuerkennen – ganz zu schweigen von Angst und Trauer –, wird sie versteckt oder ignoriert. «Der Tod ist ein unabwendbarer Schritt auf unserer Reise. Aber er ist etwas, über das niemand nachdenken will.» Das leugnet seiner Auffassung nach die Mensch­lichkeit. «Die Gesellschaft als Ganzes», so Forster, «muss dem Tod ins Auge sehen. Wir müssen das Kommen und Gehen, also die Vergänglichkeit unserer eigenen Existenz, akzeptieren.»

Ohne jede Ironie führt er aus, dass sein Leben bereichert, wer den Tod annimmt. «Wenn wir begreifen, dass der Tod jederzeit kommen kann, können wir im Jetzt leben, jeden Augenblick als Geschenk wahrnehmen. Das fällt den Menschen unglaublich schwer. Wer niemals Traurigkeit empfindet, Schmer­zen erlebt oder mit dem Tod konfrontiert ist, kann kaum die besten Momente im Leben wirklich würdigen. Wer behauptet, ‹null Probleme› zu haben, verfolgt einen sterilen Lebensansatz.»

Das Publikum wird Teil des Films

Forster spricht in seinen Filmen schwierige Themen äusserst sanft an. Die Botschaft wird über eine Geschichte vermittelt und nicht direkt ausgesprochen. Für Forster ist beides wichtig: zu unterhalten und eine Botschaft zu vermitteln. «Ein Film ohne Publikum ist nicht lebendig. Nur das Pub­likum kann einem Film Leben einhauchen. Daher möchte ich immer unterhalten und das Publikum in die Geschichte ein­beziehen. Gleichzeitig aber möchte ich ver­mitteln, wie ich die Welt sehe.»

Für Forster ist das so zentral, dass er nur Projekte übernimmt, die er unverkennbar gestalten kann. Regie «ab Stange» für ein konzessioniertes Kino ist nicht sein Ding. So hat er bereits Projekte abgesagt. «Ich muss Geschichten erzählen, die meine Identität widerspiegeln», erläutert er. «Ich muss für ein Projekt meine eigene Stimme finden, um ihm meine DNA einzuverleiben – das ist für mich sehr wichtig.»

Ist die Botschaft das Medium?

Die Mittel zur Verbreitung dieser DNA ändern sich natürlich. Die traditionellen Grenzen zwischen Film, Fernsehen und Videospielen verschwimmen. Das ist be­dingt durch eine Vielzahl an Darstellung­s­formen – vom Kino über Broadcast bis zum Streaming – und vom Aufkommen von Spezial­effekten und virtueller Realität (VR). «Filmisches Geschichten­erzählen und VR vermischen sich», so Forster. «Das Publikum wird immer mehr in eine Geschichte hineingezogen, nicht nur emotional, sondern auch physisch.»

Neue Technologien wie die Oculus-Brille, der Retina-Scan von Google und die Kamerabrille «Spectacles» von Snapchat befinden sich noch im unausgereiften Beta-Stadium. Trotzdem verkörpern sie die Zukunft des Films. «Es gibt so viele neue Technologien, dass wir uns zurzeit in einem Experimentierstadium befinden. Wir er­kunden nicht nur neue Auswirkungen auf den Film, sondern ein neues Medium des Geschichtenerzählens. Alles ist im Wandel, und jede Herausforderung wird zu einer Chance für Kreativität», erläutert er. «Tatsache ist: Es wird ein Durchbruch zu neuen Formen des Geschichtenerzählens statt­finden. Das eröffnet neue Perspektiven darauf, wie wir uns selbst und die Welt sehen.»

Während sich die Technologie zur Dar­stellung von Geschichten rasch ändert, ähnelt sich die Entstehung von Geschichten in den Medien Film und TV über­raschen­derweise. Bei der Aufnahme seiner ersten TV-Serie «Hand of God» fand Forster fast identische Verfahren und Ausstattungen wie für die Filmproduktion vor. Nur beim Ansatz weichen die beiden Medien noch leicht voneinander ab. «Bei einem Fernsehfilm erfolgen die Aufnahmen in zehn Tagen und der Schnitt in zwei Wochen. Beim Kino­film ist viel mehr Zeit für die Arbeit, für Änderungen, Vorpremieren vor Publikum und erneute Änderungen. Das Fernsehen ist ein kontinuierliches Medium. Daher müssen wir ein Erlebnis liefern, das sich für das Publikum fortsetzt. Beim Film ist die Investi­tion grösser: Für das Erlebnis haben wir nur eine Chance.» Zudem unterscheiden sich die dramatischen Anforderungen der beiden Medien deutlich. Publikumstests belegen, dass Zuschauer sich normaler­weise am Ende des Films eine Auflösung wünschen: Mann bekommt Frau, Familie löst Problem und so weiter. TV-Zuschauer hingegen werden oft mit endlosen Geschich­ten auf die Folter gespannt. Natürlich wollen die Sender die Einschaltquoten hoch­halten und die Zuschauer auch in der Folgewoche vor den Bildschirm holen.

Innovation überlebt

Selbst diese Unterschiede beginnen sich laut Forster zu verwischen. Denn Kino, Fernsehen und Gaming mutieren zu neuen Formen. Das «Story»-Format wird zweifellos über­leben. Ebenso die geschickte Dosierung von Kunst, durch die sich Herausragendes von Gutem und Gutes von Mittelmässigem unterscheidet.

Ganz seiner Person entsprechend gibt sich Forster auch hinsichtlich seiner eigenen Muse bescheiden. Die Kritiker sind hier weniger zurückhaltend und bezeichnen ihn als einen der grössten Regisseure seiner Zeit. Zur Notwendigkeit von Kreativität jedoch findet er klare Worte. «Filmemachen ist eine Kunst, die auf Teamarbeit beruht. Bei dieser Art des Geschichtenerzählens braucht es enorm viel gemeinsame Kreativität.» Erfindergeist, Ideenreichtum, Vorstellungskraft – wie auch immer man es bezeichnet – sind ein Schlüsselfaktor für das Geschichtenerzählen. Und dieses wiederum bleibt wesentlich für das mensch­liche Leben.

Top-5-Filme nach Box Office

1

Quantum of Solace
Studio: Sony
Box Office weltweit: 586,1 Millionen USD
Veröffentlichung: 14.11.2008

2

World War Z
Studio: Paramount
Box Office weltweit: 540,0 Millionen USD
Veröffentlichung: 21.6.2013

3

Finding Neverland
Studio: Miramar
Box Office weltweit: 116,8 Millionen USD
Veröffentlichung: 12.11.2004

4

The Kite Runner
Studio: ParV
Box Office weltweit: 73,3 Millionen USD
Veröffentlichung: 14.12.2007

5

Stranger Than Fiction
Studio: Sony
Box Office weltweit: 53,7 Millionen USD
Veröffentlichung: 10.11.2006

Quelle: www.boxofficemojo.com/people/chart/?id=marcforster.htm

Marc Forster

Ist er a) Deutscher, b) Schweizer, c) Amerikaner oder d) alles zusammen? Marc Forster wurde 1969 als Sohn einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters in Deutschland geboren. Als Neunjähriger zog er mit seiner Familie nach Davos in die Schweiz und legte später seine Matura am Internat Institut Montana Zugerberg bei Zug ab. Danach besuchte er die Film School der New York University. Seitdem lebt und arbeitet er meistens in den USA und führte bei einem Dutzend grosser Filme und bei einer TV-Serie Regie. Dank seiner Lebens­erfahrung und seinem akzentfreien Deutsch, Schweizer­deutsch und Englisch fühlt sich Forster in allen drei Ländern wie zu Hause. Privat wird er von Kollegen in der Filmbranche als Europäer empfunden. Beruflich ist er sehr amerikanisch geprägt – ein Grossteil seiner Werke wird in den USA konzipiert, finanziert und gedreht.

Chamäleon der Leinwand – mehr als 20 Jahre Filmerfolge

Neben der von Kritikern hervor­gehobenen Spitzenleistung sowie Branchen­preisen wie dem Oscar oder dem Golden Globe und einem riesigen Publikum weltweit ist Marc Forsters Schaffen als Filmregisseur schwer einzuordnen. Denn es ist unglaublich vielseitig. Seine Werke reichen vom verschrobenen Fantasy-Film wie «Wenn Träume fliegen lernen» über persönliche Entdeckungsreisen wie «All I See Is You» oder «Monster’s Ball» bis hin zu Action-Blockbustern wie «World War Z», dem James-Bond-Film «Ein Quantum Trost» oder sogar der Komödie «Stranger Than Fiction». Zurzeit führt Forster beim Live-Action-Film «Christopher Robin» Regie: Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der sich nach einer märchenhaften Kindheit mit einem nicht ganz so zauberhaften Erwach­senen­dasein arrangieren muss. Der Film basiert auf Charakteren des Roman­autors A. A. Milne, welche Disney in «Winnie the Pooh» populär gemacht hat. «Christopher Robin» kommt voraus­sichtlich 2018 in die Kinos.