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Aufbau des TED-Logos für eine Konferenz. © TED
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Bruno Giussani TED
Text: Eric Johnson/Bilder: Marc Wetli

#Ideenschürfer #digitaler_Skeptiker #Optimist

Kritisches Denken als begrenzter Rohstoff

Im aktuellen Medien­universum geben die Schrei­hälse den Ton an. Umso wichtiger ist ein vernunft­geleiteter, sorgfältig recherchierter Journa­lismus. Ein solcher lässt sich auch heute noch finden, gibt sich Bruno Giussani, Europa-Direktor von TED, überzeugt. Die Zuschauer müssen nur deutlich tiefer graben als früher, und dies manchmal auch an unkonven­tionellen Orten.

«Die Menschen schenken uns Zeit und Auf­merk­­sam­keit. Beides möchten wir best­möglich nutzen.»

Es ist gerade mal zehn Jahre her, da präsentierten sich verlässliche Medien­infor­mationen auf ziemlich einheitliche Weise. Spezialisierte Nachrichten­sender, führende Tages­zeitungen, renommierte Akademiker sowie Spitzen­politiker und deren Medien­sprecher bestimmten die öffentliche Debatte. Nach den Abend­nachrichten waren alle gewisser­massen auf dem neusten Stand, was die relevanten Themen und deren Fakten anbelangte, so Medien­experte Bruno Giussani. Die Meinungen, die sich auf dieser Grund­lage heraus­bildeten, konnten stark variieren. Doch beruhten sie alle auf der «herkömm­­lichen» Bericht­erstattung, die die Ereignisse des Tages mehr oder weniger neutral darstellte. Das System war sicherlich nicht perfekt, aber es stellte immerhin eine gemein­same Basis an Fakten und Berichten dar, über die sich im Anschluss diskutieren liess.

Das war einmal. Heute verschwinden Tages­zeitungen reihen­weise von der Bildfläche, haben traditionelle Fernseh­sender zunehmend Mühe, ein Publikum zu finden, und steht eine immer heterogenere Menge von Medienkonsumenten den «Autoritäten», deren Glaub­würdigkeit und Legitimität von allen Seiten attackiert wird, zunehmend skeptisch gegenüber. Während die «herkömmliche» Bericht­erstattung immer mehr ins Wanken gerät, erheben sich neue, teils schrille Stimmen, die ihre Meinung immer lauter kundtun. «Der öffentliche Diskurs wird von denen bestimmt, die ihren Standpunkt am lautstärksten und grob­schlächtigsten vertreten», beschreibt Giussani die aktuelle Lage. Schreihälse, Sprüche­klopfer sowie Klatsch- und Tratsch-Lieferanten verstopfen mit ihren Inhalten die Medienkanäle. «Jeder hat zu allem und jedem eine Meinung. Da wird eine wahre Daten- und Konversationsflut feilgeboten», so der Medienexperte weiter. «Das Einzige, woran es heutzutage mangelt, ist kritisches Denken, das die Dinge gegeneinander abwägt.»

«Jeder hat zu allem und jedem eine Meinung. Da wird eine wahre Daten- und Kon­ver­sations­flut feilgeboten. Das Einzige, woran es heutzutage mangelt, ist kritisches Denken.»

Informationen mit Tiefgang

Dabei ist der ernsthafte Journalismus nicht ausgestorben. Dieser sei heutzutage einfach schwerer zu finden, ist Giussani überzeugt. Während renommierte Blätter wie «The New York Times», «The Guardian» oder der «Spiegel» weiterhin hohe Standards pflegen, konzentrieren sich andere traditionelle Medien vermehrt auf oberflächlichen Lifestyle- und Promi-Klatsch. Nicht traditionelle Formate bewegen sich in die entgegengesetzte Richtung. Das Resultat: Ernsthafte, verlässliche Nachrichten und die Orientierung, die diese bieten, drohen in der Nachrichtenflut unterzugehen. «Es gibt da draussen immer noch zahlreiche Beispiele für ausgezeichneten, faktenbasierten Journalismus», so Giussani weiter, «doch heute muss man sich durch einen Ozean aus medialer Schlacke wühlen, ehe man fündig wird.»

Dabei würden einige nicht traditionelle Medien durchaus qualitativ hochstehende Inhalte bieten. Giussani nennt Beispiele wie BuzzFeed, Vice oder Vox. Deren Marken­auftritt spiegelt dies allerdings nicht deutlich genug wider. So werden gut recherchierte Artikel oft Seite an Seite mit dem letzten Klatsch über die Kardashians oder ähnlich inhaltsleeren «Listicles» präsentiert. Das ist eine als Artikel (article) aufgemachte Liste (list) zu irgendeinem Allerweltsthema. «Einige der besten Berichte über den Bürgerkrieg in Syrien finden sich zum Beispiel auf Websites, auf denen es von Clickbaits» – reisserisch aufgemachten Inhalten, die primär Klicks generieren sollen – «nur so wimmelt», merkt Giussani kritisch an. Und betont, dass sich die Grund­prinzipien von gutem Journalismus bis heute nicht verändert hätten. Sorgfältige Recherche, Berichterstattung vor Ort, Interviews mit Tiefgang, eine rigorose Überprüfung aller Fakten sowie eine logisch kohärente Darstellung sind heute genauso wertvoll wie früher. Auf genau diese Eigenschaften haben es Giussani und seine Mitstreiter bei ihrem eigenen Medienprojekt abgesehen: TED.

Der TED-Effekt

Eine solide Informationsvermittlung steht bei den TED Talks im Zentrum. «Der Haupt­unterschied zu meiner früheren Arbeit als Journalist besteht darin, dass ich heute meine Quellen auf die Bühne stelle, statt sie nur in meinen Artikeln zu zitieren», erklärt Giussani. Das Bemühen um die Einhaltung hoher Standards ist bei TED zentral: So wird jeder offizielle TED-Auftritt im Vorfeld eingehend faktengeprüft – nicht etwa, um die Glaubwürdigkeit des Redners zu unter­minieren, sondern, um sie sicherzustellen. Und dabei sollen die TED Talks nicht nur inhaltlich stimmig sein, sondern auch interessant. «Wenn die Leute an unseren Events teilnehmen oder sich diese im Internet anschauen, dann schenken sie uns zwei ihrer wertvollsten Ressourcen: Zeit und Aufmerksamkeit. Beides möchten wir bestmöglich nutzen.»

Die alten Medien hingen im Wesentlichen vom Vertrauen ihrer Nutzer ab. Diese bauten darauf, dass sie relevante, verlässliche und nicht zuletzt auch anregende Inhalte geboten bekommen. Für TED gilt dasselbe. Hier entsteht ein Dreiecksverhältnis zwischen Redner, Publikum und Organisatoren, das auf gegenseitigem Vertrauen gründet. Bricht einer der drei Eckpunkte ein, fällt das ganze Gebilde in sich zusammen.

Nur sieben Jahre nach dem ersten Online-Auftritt von TED im Jahr 2006 überschritt der Medienkanal erstmals die Marke von einer Milliarde Seitenaufrufen. Seine unabhängigen lokalen Ableger, TEDx genannt und von unbezahlten Freiwilligen organisiert, veranstalten mittlerweile knapp 3600 Konferenzen pro Jahr. TED geniesst unter seinen Anhängern aus wissbegierigen und am Weltgeschehen interessierten Zeitgenossen von heute einen fast schon legendären Ruf. Auch der sogenannte TED-Effekt ist mittlerweile ein bekanntes Phänomen: die sprunghafte Zunahme an Popularität von vormals eher obskuren Rednern, deren Auftritte sich als virale Botschaften im Nu weltweit verbreiten.

TEDs Motto lautet: «Ideas worth spreading» – Ideen, die es verdienen, weiterverbreitet zu werden. Diese Ideen und mit ihnen TED selbst scheinen das Vertrauen ihrer Leser und Zuschauer verdient zu haben.

Kurze Fragen – kurze Antworten

Welches ist Ihre Lieblings-App?


Ich bin oft im Zug unterwegs, da nutze ich häufig und gern die App der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), besonders den tollen Touch-Fahrplan.




Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mobiltelefon? Um welches Modell handelte es sich?


Ich glaube, das war das Nokia 8110, mit leicht gebogener Form und einem Schiebedeckel, der das Tastenfeld schützte. Wenn man das Gerät öffnete oder wieder schloss, wurde ein Anruf automatisch entgegengenommen bzw. beendet. Baujahr war ca. 1996.






Welchen Bildschirmschoner benutzen Sie auf Ihrem Handy oder Laptop? 



Schweizer Berge. Auf meinem Laptop ein Foto des Matterhorns bei Nacht; auf meinem Handy eines des Pizzo Molare, hoch über meinem Heimatdorf im Tessin.

Bruno Giussani

Nach seinem Abschluss in Sozial- und Wirtschafts­wissen­schaften an der Universität Genf (1989) behandelte Bruno Giussani als Journalist zunächst politische Themen und machte sich danach einen Namen als kluger Beobachter des Internets und dessen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Dies im Auftrag von Publikationen wie «L’Hebdo», «Wall Street Journal Europe», «The New York Times», «Il Sole 24 Ore» und «NZZ». Giussani hält regelmässig Vorträge, schreibt Artikel und hat mittlerweile eine Firma gegründet, die auf Design von Konferenzprogrammen und Wirtschafts­beratung spezialisiert ist und die er nach wie vor führt. Er war in leitender Position für das World Economic Forum und als Knight Fellow an der Stanford University tätig, ehe er zum Europa-Direktor und interna­tionalen Kurator von TED ernannt wurde. Der 53-Jährige pendelt heute zwischen seinem Heimatkanton Tessin, der Genfersee-Region sowie dem TED-Hauptsitz in New York.

TED

TED kam vor 33 Jahren im an Ideen wahrlich nicht armen Silicon Valley zur Welt. Damals bezeichnete das Kürzel eine jährlich stattfindende Konferenz zu den Themen Technologie, Entertainment und Design. Seither ist das Themen­spektrum weiter geworden und umfasst heute so gut wie alles, was irgendwie von intellektuellem Interesse ist. Die Jahreskonferenz ist mittlerweile ins kanadische Vancouver umgezogen. Die Zahl der lokalen TED-Ableger geht in die Tausende, die veranstalteten Vorträge wurden im Internet bereits mehrere Milliarden Mal angeklickt. Die Non-Profit-Organisation erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 70 Millionen US-Dollar und beschäftigt rund 200 Vollzeitangestellte und wird von Tausenden von freiwilligen Helfern unterstützt.

ted.com