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Ein Ikea-Zimmer aus einem der über 355 Einrichtungshäuser in 29 Ländern.

Simona Scarpaleggia CEO von Ikea Schweiz
Text: Regula Freuler/Bilder: Markus Bertschi

#womens_empowerment #besseres_Leben #Leidenschaft

«Wir dürfen die emotionale Verbindung nicht an Geräte delegieren»

Simona Scarpaleggia, CEO von Ikea Schweiz in Spreitenbach, sieht die Förderung von Frauen in der Businesswelt als Teil ihrer Verant­wortung. Dasselbe gilt für die Loyalität ihren Mitarbeiterinnen und Mitar­beitern gegenüber und den Datenschutz.

«Als Arbeitgeber haben wir eine moralische Verpflichtung, darüber nach­zudenken, was mit den Menschen passieren wird, deren Jobs überflüssig werden.»

Sie traten im Jahr 2000 beim Ikea-Konzern ein und stiegen von der Personal­chefin in Italien zum CEO Ikea Schweiz auf. Wie hat die Digitalisierung seither die Arbeitswelt verändert?

Sie hat vor allem unsere Kommunikation geformt – nicht nur die private, sondern auch die geschäftliche. Damit meine ich nicht ­nur das erhöhte Tempo. Wir sind heute so stark mit der Technologie verbunden, dass wir gar nicht mehr ohne sie leben und arbeiten können, sofern wir kein Aussteiger-Dasein wählen. Man muss aber auch sehen, ­­dass Technologien wie Smartphones neue Möglichkeiten schaffen und uns eine Vielzahl von Freiheiten schenken. Zwei Situationen haben mich zum Nachdenken über meinen Gebrauch dieser Geräte gebracht. Erstens hatte ich den Eindruck, dass ich zu viel Zeit beim Herumsurfen verliere, und zweitens empfand ich manchmal ein Abhängig­keits­gefühl. Mir wurde klar: Ich will kein Sklave der Technologie sein. Das Gerät muss mir dienen – und ­nicht umgekehrt.

Was bedeutet das für Sie als CEO?

Die technologische Entwicklung zu bekämpfen oder zu ignorieren, ist der falsche Weg. Stattdessen müssen wir uns mit der Technologie verbünden, deren Potenzial erkennen und die Verantwortung dafür übernehmen, wie wir sie einsetzen.

«Wir dürfen das emotionale In-Verbindung-Treten nicht an Geräte delegieren. Es ist diese persönliche emotionale Beziehung, die uns als Menschen ausmacht.»

Was hat die Digitalisierung Ihnen per­sönlich am meisten gebracht?

Die grösste Entlastung kam für mich durch die vereinfachten Möglichkeiten zu archivieren. Am Anfang meiner Karriere gab es diese riesigen Aktenschränke voller Ordner – mein Gott, es war ein Albtraum. Heute machen das Computer. Mit einem Mausklick haben wir Zugang zu allen Informationen. Mein Leben ist dadurch viel stressfreier.

Sie sprachen von einem Abhängigkeitsgefühl durch digitale Medien. Welche Folgen hat diese Abhängigkeit für den Menschen?

Es gab eine Zeit, vor allem als sie Teenager waren, da sassen sie ständig vor diesen Geräten. Im Grunde sind sie sehr gesellige Menschen, aber ich war in ihrem Alter viel mehr unterwegs als sie. Ich frage mich daher: Inwiefern helfen uns diese Geräte, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, und inwiefern bewirken sie das Gegenteil, weil wir uns hinter ihnen verstecken können?

Was meinen Sie damit?

Man gibt etwas von seiner Identität als Mensch ab, wenn man mithilfe eines Geräts kommuniziert. Denn nichts ersetzt den per­sönlichen Kontakt, bei dem man einander direkt in die Augen schauen kann. Wir dürfen das emotionale In-Verbindung-Treten nicht an Geräte delegieren. Es ist diese persönliche emotionale Beziehung, die uns als Menschen ausmacht.

Machen uns diese Geräte mutloser?

Wenn ich manchmal Online-Kommentare von Zeitungen lese, erschrecke ich über das Ausmass an Gewalt und Wut. Aber ich denke auch, die Person, die das geschrieben hat, würde nie tun, womit sie droht. Es braucht Mut, jemandem direkt ins Gesicht zu sagen, was einem nicht passt. Wer es über einen Online-Kommentar tut, ist nicht mutig.

Manche fürchten, künstliche Intelligenz (KI) werde viele Jobs vernichten. Andere sind überzeugt davon, dass es dank KI mehr oder einfach andere Arbeitsplätze geben wird. Zu welchem Lager gehören Sie?

Ich zähle zu den Optimisten. Wir müssen die Möglichkeiten ergreifen, die sich uns mit KI bieten. Viele Jobs werden sich komplett verändern oder verlorengehen, dazu gibt es unzählige Studien. Dabei ist es gar nicht schlecht, wenn repetitive Arbeit von einer Maschine erledigt wird. Der kreative Anteil der Jobs wird dafür wachsen. Als Arbeitgeber haben wir eine moralische Verpflichtung, darüber nachzudenken, was mit den Menschen passieren wird, deren Jobs überflüssig werden. Was tut man beispielsweise mit Verkäufern, die zunehmend durch den On­line-­Handel ersetzt werden? Sie werden zu Beratern. Sie sind qualifizierter als ihre Vorgänger, sie helfen den Kunden, Entscheidungen über ihr Leben zu fällen. Natürlich fällen Maschinen unvor­ein­genommene Entscheidungen, und sie sind viel präziser als wir Menschen. Aber es liegt auch eine Schönheit und Würde in der menschlichen Unvollkommenheit.

Würden Sie sich einen Haushaltroboter anschaffen?

Ich bin kein konservativer Mensch – ausser wenn es ums Essen geht. Ich würde zum Beispiel nie mit einem Mikrowellengerät kochen. Ich liebe die Handarbeit in der Küche. Aber wer weiss …? In fünf Jahren ist es vielleicht möglich, dass ich meinem Ofen mündlich den Befehl geben kann, sich selbst einzuschalten. Dann hätte ich wohl auch so einen.

Würden solche Roboter ins Sortiment von Ikea passen?

Wir haben noch keine, aber wir sind dabei, den technologischen Bereich auszubauen. Vor kurzem haben wir eine Kooperation mit Sonos angekündigt, um unser Smart-Home-Programm um Audio-Komponenten zu erweitern.

Welche digitalen Assistenten nutzen Sie beruflich beziehungsweise privat?

FaceTime und Skype mag ich besonders, weil ich die Menschen gern sehe, wenn ich mit ihnen spreche. Da bin ich altmodisch.

Welche Dinge kommunizieren Sie niemals digital, sondern nur persönlich?

Ich würde nie ganz besonders tolle News wie eine Beförderung auf digitalem Weg überbringen, da möchte ich diese Person ja umarmen können. Auch ein hartes Feed­back gebe ich mündlich – ausser wenn es sich überhaupt nicht vermeiden lässt, weil ich beispielsweise auf Reisen bin.

Wie wichtig ist für Sie der Datenschutz?

Sehr wichtig! Ikea hat eine riesige Com­munity mit aktuell über 1,1 Millionen Ikea-­ Family-Mitgliedern. Diese Menschen vertrauen uns persönliche Daten an, und wir geben damit ein Versprechen ab, mit diesen Daten umsichtig und verantwor­tungs­voll umzugehen. Zurzeit überarbeiten wir deshalb im Rahmen der EU-Datenschutz-­Grundverordnung (DSGVO) alle datenrelevanten Prozesse und Routinen. Viele Firmen sind bereits auf diesem Weg. Dabei besteht leider die Gefahr, dass es eine monströse Bürokratie wird, die niemand braucht. Wir müssen genau hinschauen und entscheiden, was wir ändern wollen.

Teilen Sie private Informationen online?

Nein, nichts. Ich hatte sehr früh, vor zwölf Jahren, ein Facebook-Konto, habe es dann aber wieder gelöscht. Wieso sollte ich jedem erzählen, was ich im Kino gesehen habe? Ich war damals einfach neugierig und wollte wissen, wie es funktioniert. Aber für mich ist es nicht das Richtige.

Haben Sie Ihre Kinder aufmerksam gemacht auf die Risiken?

Ja, aber sie haben natürlich gesagt: «Mama, du verstehst das nicht!» (lacht) Sie posten zwar viele persönlichen Dinge, aber keine Peinlichkeiten, die ihnen später einmal Probleme bereiten könnten.

Schaffen Sie sich Offline-Oasen?

Grundsätzlich will ich immer erreichbar sein. Nur wenn ich in den Ferien bin, habe ich einen Stellvertreter. Letzten Sommer machte ich eine denkwürdige Erfahrung. Ich war mit einer Reisegruppe in der Mongolei unterwegs. In der Wüste Gobi gibt es natürlich keinen Strom, kein Internet, nichts. Die ersten Tage hat mich das sehr gestresst. Alle anderen von der Reisegruppe ebenso. Wir fuhren also stundenlang durch die Pampa, bis wir wieder in eine Stadt kamen und plötzlich eine Antenne entdeckten. Alle rannten sofort hin und schalteten ihre Telefone ein. Aber was fanden wir heraus? In der Firma lief alles super, Familie und Freunde waren gesund, und in der Welt passierte – leider – was immer passiert, also Krieg und Chaos. Da fragt man sich doch: War es wirklich so dringend, dass man diese Dinge bestätigt bekommt? Und war es wirklich so schrecklich, dass wir zehn Stunden lang nicht wussten, was in der Welt geschah?

Wie reagierten Sie darauf?

Wir sprachen viel mehr als sonst in den Ferien. In Hotels sieht man ja oft, wie jeder Gast für sich allein etwas mit seinem elektronischen Gerät macht. Wir aber redeten miteinander. Jemand hatte ein Buch von Dschingis Khan dabei und las laut daraus vor! Wir blickten zu den Millionen von Sternen am Himmel und diskutierten über den Grosskhan der Mongolen. Das war ein wundervolles Gemeinschaftserlebnis.

Werden Sie wieder solche Ferien machen?

Oh ja! Aber um diesen Effekt zu spüren, muss man nicht zwingend wochenlang in die Wüste. Mit Disziplin kann man das auch in den Alltag integrieren. «An hour offline a day keeps the doctor away.» (lacht)

Disziplin zu halten, fällt uns Menschen aber irrsinnig schwer, weil es keinen grossen Spass macht.

Das stimmt. Aber ich halte Selbstdisziplin für etwas Positives. Sie hilft uns in vielen Lebenslagen.

Kurze Fragen – kurze Antworten

Welches Hintergrundbild ist auf Ihrem Handy zu sehen?

Der Screensaver zeigt einen Löwen, und als Hintergrund­motiv sieht man eine Löwenmutter mit ihrem Baby. Ich selbst bin eine Vollblut-Mutter. Dieses Tier versinn­bildlicht, was mir persönlich wichtig ist: Es ist mutig, unabhängig und schart eine grosse Familie um sich. Meine Kombination von Löwe und Löwin ist eine Metapher: Wie bei den Menschen machen die Weibchen sehr viel, sie jagen, füttern und ziehen die Jungen gross. Und wie bei den Menschen sollten die Frauen etwas beherzigen: Sie sollten etwas mehr Mithilfe von den Männern verlangen.

Was war Ihr Traumberuf, als Sie noch ein Kind waren? Und warum haben Sie sich schlussendlich für Ihren Karriereweg entschieden?

Ich wollte Ärztin werden. Kennen Sie den Film «Sliding Doors»? Er erzählt zwei Versionen des Lebens einer jungen Frau. Mein «Sliding Doors»-Moment fand nicht vor einer U-Bahn-Türe statt, sondern wegen der Sanierung eines neuen Universitäts­gebäudes in Rom. Die Studiengänge dort waren sehr begehrt, und es gab einen Numerus Clausus. Ich wollte die Aufnahmeprüfung trotzdem wagen und sagte mir, dass ich immer noch Medizin studieren könnte, falls ich versagen würde. Aber ich bestand und studierte Politikwis­senschaften. Ich bereue es nicht. Ich bin sicher, dass ich eine sehr gute Ärztin geworden wäre, weil ich mich liebend gerne um andere Menschen kümmere. Jedoch wollte ich möglichst bald unabhängig sein und mein eigenes Geld verdienen. Am Ende ging mein Wunsch in Erfüllung, denn in meiner heutigen Position kann ich mich auch um andere Menschen kümmern.

Simona Scarpaleggia

Die Italienerin ist seit 2010 CEO von Ikea Schweiz, nachdem sie bereits in ihrer Heimat zehn Jahre für den schwedischen Innen­einrichtungs­konzern gearbeitet hat. Davor sammelte sie Erfahrungen in anderen Bereichen wie Chemie, Konsumgüter und Ingenieurwesen. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Frauen in der Geschäfts­welt. Zu diesem Zweck initiierte sie 2009 in Italien die Vereinigung «Valore D» und 2013 in der Schweiz «Advance – Women in Swiss Business». Simona Scarpaleggia ist Co-Chair im Uno-Gremium zur Förderung von Frauen in der Wirtschaft. Ausserdem sitzt sie im Beirat der Zürcher Hochschule der Künste.
Scarpaleggia hat in Rom Politik­wissenschaften studiert. Sie ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Kilchberg ZH.

IKEA

«Wohnst du noch, oder lebst du schon?» Der Werbe­slogan des schwedischen Möbel­­hauses, das 1943 von Ingvar Kamprad gegründet wurde, ist zum geflügelten Wort geworden. 1973 eröffnete Ikea in Spreiten­bach die erste Filiale ausserhalb von Skandi­navien. Heute beschäftigt der Möbel­konzern weltweit rund 194’000 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von über 40 Milliarden Franken.

www.ikea.com