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Sicher texten, chatten, telefonieren, Videos und Dateien austauschen – Wire vereint all dies in einer einzigen App. © Wire

Morten Brøggers Wire
Text: Eric Johnson/Bilder: Markus Bertschi

#E-Mail-Flut #Wachstum #sichere_Kommunikation

Es lebe die moderne und sichere Kommunikation

Texten, chatten, telefonieren, Videos, Dateien austauschen: Ein Zuger Unternehmen, unter der Leitung von Morten Brøgger, vereint all dies in einer einzigen App. Die beiden Allein­stellungs­merkmale: strikter Daten­schutz und 100-prozentige Verfüg­bar­keit. Zwei Tabus gibt es auch: keine Werbung und kein Verkauf von Kunden­daten.Sensible Daten sind für ihn die zentralen Themen der digitalen Transformation.

«E-Mails sind Korrespondenz, soziale Medien sind Konversation.»

Morten Brøggers 14-jähriger Sohn hat über 15’000 ungelesene E-Mails…

…und er ist stolz darauf. Denn er möchte sie gar nicht lesen. «So sind sie, die Millennials», sagt der Däne in den 40ern über seinen in Kopenhagen lebenden Sprössling und fügt hinzu, dass 90 Prozent der Teenager die sozialen Medien nutzen, während nur 6 Prozent von ihnen E-Mails schreiben. «Sie kommunizieren superkurz und auf den Punkt, ohne all die Eröffnungs- und Schlussklauseln et cetera von E-Mails. Es ist eine andere Art zu kommunizieren, nicht Korrespondenz, sondern Konversation.»

Die Teens von heute sind natürlich die Arbeitskräfte von morgen, und bereits jetzt sind ihre Gewohnheiten in Sachen Texten, Tweeten, Chatten, Teilen für viele Ältere Standard. Zudem beginnen digitale Trends nicht länger im Büro und verbreiten sich dann ins Privatleben, sondern umgekehrt. Der Markt für Apps wird vom Privatkun­den­­geschäft geprägt. Wenn diese den «persönlichen Gebrauchstest» bestehen, finden sie Eingang in die Geschäftswelt.

Warum also lassen Unternehmen ihre Mitarbeitenden nicht einfach die Kommunikationsmethoden von Brøgger junior replizieren? Der Grund: Sie haben zwei Dinge zu verlieren – Datenschutz und Datensicherheit. Öffentliche Netzwerke sind gut und schön für Teenager, die nichts oder nur wenig zu verbergen haben. Seien wir mal ehrlich: Wenn die eigenen Geheimnisse sich auf den Lieblingsrapper, die bevorzugte Kosmetik oder den Fussballclub unseres Herzens beschränken, liegt wohl nur eine geringe Gefahr darin, sie nach aussen zu kommunizieren. Geschäftliche Nutzer hingegen haben etwas zu verbergen – und nicht immer wenig. Vertraulichkeit ist in der Regel gewünscht und oftmals notwendig. Fragen Sie nur mal nach, etwa bei Swisscom, FedEx, Pizza Hut und vielen anderen – Datenpannen können zu Geldverlusten führen – und nicht nur das: Kunden wandern ab und die Reputa­tion geht flöten. Nicht zu vergessen sind juristische Konsequenzen und Geldstrafen.

Dieses Dilemma wollten Brøgger und sein Team an der Wurzel packen: Wie kommuni­zieren wir auf die modernste und zugleich sicherste Weise? Ihre Antwort: eine Geschäftssoftware (aber auch für Einzelpersonen erhältlich) namens Wire.

Flucht aus der «E-Mail-Hölle»

«Unternehmen müssen akzeptieren, dass ihre Mitarbeitenden die modernsten Kommunikationsmittel nutzen möchten», merkt Brøgger an. «Und die Mitarbeitenden müssen ihrerseits akzeptieren, dass diese Tools sicher sein müssen.» Was die Sicherheit angeht, sagt er: «Wire hat Sicherheit auf ein ganz neues Level gehoben.»

«Die Unter­nehmen müssen akzeptieren, dass ihre Mitarbeitenden modernste Kom­muni­kations­mittel nutzen, und die Mit­arbei­tenden müssen akzeptieren, dass diese Tools sicher sein müssen.»

Hier der alte Ansatz: Herkömmliche Netzwerke laufen über zentrale Knoten­punkte oder Server, die durch Firewalls geschützt sind. Wird die Firewall geknackt oder gehackt, sind alle Informationen in Gefahr. Datendiebe können ungehindert ihr Unwesen treiben. Neu bei Wire ist der Aufbau eines Netzwerks mit dezentraler Verschlüsselung. Hier gibt es keinen zentralen Knotenpunkt beziehungsweise Server. Der Datenfluss folgt dem Peer-to-Peer-Prinzip. Anstelle einer zentralen Verschlüsselung erfolgt diese lokal auf jedem mit dem Netzwerk verbundenen Gerät. Jeder Verschlüsselungs­code wird mit jeder einzelnen Nachricht an das Gerät aktualisiert. «Jedes Gerät ist seine eigene Festung», erklärt Brøgger. Selbst bei einem Hackerangriff kann der Hacker nur auf die neueste Nachricht zugreifen – das ist alles. Hacken wird nicht unmöglich (das wird nie gelingen), aber es lohnt sich nicht mehr.

Bei Wire läuft dieser Datenschutz mit Verschlüsselung natürlich im Hintergrund. Für User ist die App eine Kombination von Skype, WhatsApp, Snapchat, GoToMeeting, Mobiltelefonie und verschiedenen anderen Apps – und sieht auch so ähnlich aus. Selbst das Ersetzen von bis zu 50 Prozent der Geschäfts-E-Mails ist im Paket enthalten, obwohl die meisten Benutzer diese Funktion angesichts all der anderen Möglichkeiten nur sehr sparsam einsetzen. Brøgger – kaum über­raschend ein eifriger Nutzer von Wire – sagt, es habe ihn aus der «E-Mail-Hölle» befreit. «Es gibt Wochen, in denen ich nicht eine einzige E-Mail von einem Kollegen erhalte. Wir kommuni­zieren genauso viel, nur kürzer und fokussierter.»

Auf der Jagd nach Unternehmen

Zwar richtete sich Wire anfangs an Privatnutzer, doch mittlerweile liegt der Schwerpunkt auf Unternehmens­kunden. Zu Jahresbeginn wurde eine Unterneh­mens­­version auf den Markt gebracht, die bereits jetzt bei über 100 Unternehmen zum Einsatz kommt. Die geschätzte Zahl von Usern liegt bei insgesamt rund einer viertel Million, wobei Wire grösstenteils zu den üblichen Geschäftszeiten genutzt wird.

Bislang ist das Hauptverkaufsargument der Datenschutz, doch ein weiteres soll hinzukommen: Verfügbarkeit. Ganz aktuell hat das Unternehmen «Wire Red» – eine «on-demand crisis collaboration infrastruc­ture» ins Angebot aufgenommen, also ein «Backup»-Kommunikationsnetz. Grosse Organisationen benötigen zunehmend ein Zweitnetzwerk für den Fall einer Störung im Hauptnetzwerk. So unwahrscheinlich das auch klingen mag, solche Ausfälle waren Mitte 2017 allgegenwärtig, als die Malware «NoPetya» die Kommunikation bei grossen Firmen wie Maersk, Mondelez, Rosneft und TNT lahmlegte.

«Sie verloren die Kontrolle über ihre Netzwerke und Hunderte Mil­lionen Dollar», so Brøgger. Mit Wire hätten sie eine dezentrale Alternative in der Hinterhand gehabt. Um diese zu nutzen, hätten sie einfach nur ihre Smartphones zur Hand nehmen und sich ­einloggen müssen. Ohne Wartezeit.

Zu Werbung einfach Nein sagen

Eine angenehme Nebenwirkung der Konzentration auf Geschäftskunden ist, dass Wire zwei Herausforderungen meidet, die allen Kom­munikationsapps gemein sind. Da ist zum einen der Netzwerkeffekt: Wenn ein Unternehmen sich für die Nutzung von Wire entscheidet, verfügt es direkt über ein Netzwerk von Usern, das nicht im Laufe der Zeit mühsam aufgebaut werden muss. Zum anderen geht es um die Wahl der Einkommensquelle, das heisst Werbe­einnahmen oder Bezahlmodell. Wire folgt dem traditionellen Software-Modell und rechnet nach Nutzermonat ab.

«Wir könnten niemals Metadaten unserer Kunden verkaufen, wie es Facebook tut», erklärt Brøgger, «denn wir erheben solche Daten nicht einmal.» Wire hat ganz bewusst auf das Werbemodell verzichtet, vor allem, weil das mit dem preisgekrönten Datenschutz-Feature kollidiert. Im Hinblick auf die aktuelle Kontroverse rund um Internet und Datenschutz, vor allem den absichtlichen Missbrauch von Daten durch Dritte wie Cambridge Analytica, zeigt sich Brøgger wenig überrascht, leider, wie er sagt. «Datenpannen sind ein gängiges Thema in den Nachrichten. Datenschutz und Datensicherheit sind heutzutage die beiden grössten Technologie­themen. In Zukunft wird es in diesem Bereich wahrscheinlich mehr Regulierung geben, doch letztlich ist das eine Sache, die die Unternehmen selbst lösen müssen. Auf Vorgaben zu warten, birgt zu hohe Risiken: Bis es dazu kommt, ist Ihr Geschäft vielleicht schon nicht mehr existent.»

Kurze Fragen – kurze Antworten

Drei Hashtags:

#E-Mail-Flut, #Wachstum, #sichere Kommunikation

Lieblings-App:

Wire, natürlich. Nachdem kommt SAS, United, Apple Music, Map My Run und Emily's Workout.

Erstes Handy:

Nokia 2110, mit ausziehbarer Antenne.

Traumberuf als Kind:

Ich sah mich stets als CEO.

Bildschirmschoner:

ein Foto meiner Familie.

Morten Brøgger

In den zwei Jahrzehnten seit dem Abschluss an der Universität Aarhus in seiner Heimat Dänemark hat Morten Brøgger in der Welt von IT und Kommunikation eine steile Karriere hingelegt. Bei Wire Swiss bekleidet er bereits seinen dritten Posten als CEO, nach Intermezzi beim Kooperations­software-Anbieter Huddle und Roaming-/Clearing-Spezialist Starhome Mach. Er ist ein echter Globetrotter, der seine Zeit zur Hälfte in Europa und zur Hälfte im kalifornischen Silicon Valley verbringt. Die Schweiz ist Brøgger nicht fremd, lebte er doch von 2005 bis 2006 dort, als Leiter der Fixnet-Division des Tele­kommuni­kations­anbieters Sunrise. Nun besucht er regelmässig den Hauptsitz von Wire in Zug. In digitaler Hinsicht folgt er ganz seinem Credo und nutzt zwei Smartphones (eines mit internationalem Roaming, so dass seine Kinder ihn anrufen können, ohne dass ihnen Zusatzgebühren entstehen), einen Desktop-PC sowie sein eigenes Produkt als Standard-App. Wird er der Technik je überdrüssig? Nicht wirklich, aber, so gibt er zu, ab und zu schalte er seine Geräte auch ab, vor allem, wenn er ins Bett oder an Bord von Flugzeugen geht.

Wire

Wer nicht extrem technologieaffin ist, dem sagt der Name Janus Friis wohl nichts, Skype aber kennt jeder. Ersterer war Mitbegründer von Letzterem und wurde damit letztlich zum Milliardär. Heute ist Friis Anfang 40 und ruht sich nicht etwa auf seinen Lorbeeren aus. Vielmehr betätigt er sich weiterhin als Unternehmer, unter anderem bei Wire, wo eine nicht unwesentliche Zahl früherer Skype-Mitarbeitender beschäftigt ist. Wire ist sechs Jahre alt und konzentrierte sich anfangs auf Privatkunden. Mittlerweile jedoch stehen Unter­nehmens­kunden im Fokus: eine Mission, die Morton Brøgger Ende 2017 federführend übernom­men hat. Bei den rund 50 Mitarbeitenden von Wire handelt es sich grösstenteils um Entwickler und Ingenieure am Sitz in Berlin, neben einem Vertriebs­team im Silicon Valley und dem Hauptsitz in Zug. Warum Zug? «Die Schweiz hat eines der besten Daten­schutz­gesetze weltweit», so Brøgger. «Das Bewusstsein der Schweizer für den Datenschutz, aber auch für Sicherheit und Qualität, ist sehr ausgeprägt. Wir passen einfach hierher.»

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