Dr. Eberhard Fischer Museum Rietberg
Text: Sandra Willmeroth/Bilder: Markus Bertschi

Meister der afrikanischen Kunst.

Eberhard Fischer, ehemaliger Direktor Museum Rietberg, Zürich

«Schauen Sie doch, wie das gearbeitet ist, dieser Schwung, diese Stili­sierung, diese Präzision, diese Kraft, die da darin ist.»

Als ich als junger Mann 1972 Direktor des Museums Rietberg wurde, war es mir ein grosses Anliegen, die Anonymität der afrikanischen Schnitz­künstler aufzuheben und ihnen damit vielleicht etwas von der ihnen zustehenden Anerken­nung, ihrer Würde, zurückzugeben. Ich habe mich immer bemüht herauszufinden, woher genau die Masken und Skulpturen stammen, und sie dann mit den Hinweisen «unbekannter Meister dieses oder jenes Volkes oder Kultur­region» angeschrieben. Dies ganz im Sinne des Museums Rietberg, das auf der Sammlung asiatischer, afrikanischer, amerikanischer und ozeanischer Kunst des Barons Eduard von der Heydt aufbaut. Die Maxime des Sammlers und Bankiers von der Heydt lautete «ars una»: Es gibt nur eine Kunst- und ich möchte hinzufügen, es gibt überall auf der Welt Künstler!

Schon allein deswegen ist es ein grauen­volles Klischee und immer noch altes Missionars­geschwätz, wenn afrikanische Kunst als «Primitive Art» und in ihrer Wirkung als dämonisch oder bedrohlich bezeichnet wird. Alle diese Skulpturen haben doch gar nichts Groteskes oder Wildes an sich. Afrikanische Masken sind oft Geist­wesen, die im Urwald leben und sich von den Menschen träumen lassen. Es sind hilfreiche Natur­­wesen, mit denen man Kontakt aufnehmen muss, auf die man sich konzen­trieren muss – und dann können sie in der Gesell­schaft wirksam sein. Die Vorstellung, dies sei alles nur Abwehr­zauber, Fetischis­mus oder alles seien Ahnen, ist völlig falsch.

Ich mag diese Kantigkeit der afrikanischen Masken sehr, das Symme­trische, die formale Strenge, die Konzentration auf das Aller­wichtigste, und die daraus resultierende Klarheit, der Wunsch nach Aus­gewogen­heit und etwas, was viele Leute am Anfang gar nicht erkennen: die Ruhe und Würde, die in diesen Kunst­werken liegt. Erst die Gemüts­bewegung der Ruhe macht bei ihren Auftritten die verschieden­artigsten Emotionen möglich. Eine lachende Maske kann nicht weinen. Aber eine ruhige Maske trägt auch das Gefühl in sich, das der Künstler im Moment des Schaffens in sich hatte. Etwas Trauriges oder etwas Heiteres, etwas Starkes oder etwas Sanftes.

Um die Qualität afrikanischer Kunst feststellen zu können, muss man sehr viel über afrikanische Kulturen wissen. Man muss aber vor allem auch die Variations­breite der verschiedenen Masken­typen, der verschiedenen Genres kennen und wissen, welche stilis­tischen Möglich­keiten in einer bestimmten Kultur vorhanden sind, um zum Beispiel ein mensch­liches Gesicht darzustellen. Es gibt jeweils bestimmte vorgegebene Formen­raster, aber für die Künstler reicht es nicht aus, Vorhandenes zu kopieren. Sie legen in ihre Werke noch sehr viel mehr Herzblut hinein, ihre eigenen Erinnerungen, ihre Empfin­dungen. Deswegen besteht ein grosser Unter­schied zwischen einem Durch­schnitts­stück und den Werken, die besonders karg oder besonders opulent oder sehr präzise oder virtuos geschnitzt sind. Ohne Über­blicks­­wissen kann man nicht feststellen, ob ein Stück so schon hundertfach existiert oder ob es etwas Ausser­­gewöhnliches ist.

In dem Moment, in dem man das Ausser­­gewöhn­liche einem bestimmten Künstler zuschreiben kann, weil man die Hand­schrift dieses Mannes erkennt, hat das Werk einen ganz anderen, singulären Wert. Echte Masken desselben Typs können von 300 Franken bis 3 Millionen wert sein. Es gibt keine Standards, wir sammeln keine Brief­marken, die entweder abgestempelt sind oder nicht, sondern wir sammeln qualitativ Ausser­gewöhn­liches – wenn es «Kunst» ist.

Oftmals handelt es sich bei afrikanischen Skulpturen aber eben nicht um Kunst, sondern um Ramsch. Der Fälschermarkt ist ein grosses Problem geworden, und die Wahr­­scheinlich­­keit, dass ein Laie, der afrikanische Kunst kauft, mit seiner Erwerbung schwer auf die Nase fällt, ist sehr gross. Die Zahl der Fälschungen und manipulierten Objekte ist enorm gross, denn es gibt auch heute viele afrikanische Schnitzer, die sehr gut arbeiten können und auch dasselbe Material benutzen wie ihre Vorfahren. Dann muss man eigentlich nur noch einen Alterungs­prozess der Werke imitieren. Für einen Laien ist es nahezu unmöglich zu unter­scheiden, ob es sich um eine Maske von 1910 oder 2010 handelt.

Wie oft ich auf Reisen war, kann man nicht zählen. Wenn man Forschung treibt, muss man ins Land, denn ohne eigene Feld­forschung kann man auch keine Quellenkritik betreiben. Man muss wissen, wie die Menschen einer fremden Kultur wirklich leben, und man muss beispiels­weise auch das einheimische Vokabular über Ästhetik kennen. Man muss miterlebt haben, wie das Publikum bei einem Masken­auftritt reagiert.

Ich besitze eher zufällig eine Sammlung afrikanischer Kunst, weil mein Vater einer der ganz grossen Experten für afrikanische Kunst war und ich damit aufgewachsen bin. So wie andere Kinder mit ihren Vätern in die Kirche gehen oder auf den Fuss­ball­platz, so haben wir mit unserem Vater afrikanische Kunst angeschaut. Es war mein grösstes Glück, dass ich als junger Kunst­ethnologe die Stelle als Direktor des Museums Rietberg in Zürich bekommen habe – ehrlich gesagt, um diese Tätigkeit ausüben zu dürfen, hätte ich auch noch Geld bezahlt!

Dr. Eberhard Fischer

(*1941) leitete von 1972 bis 1998 das Museum Riet­berg in Zürich. Der promovierte Ethnologe ist der älteste Sohn des deutschen Völker­­kundlers Hans Himmelheber. Fischer ist Präsident der Rietberg-Gesellschaft und General­sekretär der Schweizerisch-Liechten­­steinischen Stiftung für archäologische Forschun­gen im Ausland. Er wurde 2012 von der indischen Regierung mit dem indischen Zivil­orden Padma Shri für Literatur und Bildung ausge­zeichnet. Seine Forschungs­­schwer­­punkte liegen in der indischen Malerei des 18. Jahr­hunderts und der afrikanischen Kunst.

rietberg.ch