Previous Next
Mit ihrer Marke hat sich Sunita Kunsanthia bei Schweizer Bankern, Geschäftsleuten, TV-Moderatoren und Bräutigamen fest etabliert.
Ihr Handwerk lernte Sunita in der Schneiderei ihres Vaters in Thailand.

Sunita Kunsanthia CEO und Gründerin Sunita Suits
Text: Eric Johnson/Bilder: Markus Bertschi

«Mein Herz schlägt im Takt einer Schweizer Uhr.»

«Savile Row» der Schweiz mit einem Touch Thai: So lautet das Rezept von Sunita Suits. Das Mass­bekleidungs­unter­nehmen hat sich vom interkulturellen Geist seiner Gründerin inspirieren lassen und schreibt heute eine bemerkens­werte Erfolgs­geschichte.

«Wenn ein Anzug zu billig ist, lässt das einen Schweizer oft an der Qualität zweifeln.»

Wäre Sunita Kunsanthia eine russische Matrjoschka, so würden sich ihre ineinander verschachtelten Puppen stark unterscheiden. Die äusserste würde eine zierliche südasiatische Schönheit zeigen. Sunita ist in Indien, der Heimat ihres Vaters, ein äusserst beliebter Frauenname. Ihre Anmut und ihr Akzent verraten ihre Wurzeln in Thailand, wo sie aufgewachsen ist und wo ihre Mutter herkommt. Die innerste Puppe hingegen trüge die Zeichnung eines Orts am anderen Ende der Welt, aus dem Herzen Europas: Sie wäre unverkennbar schweizerisch.

«Mein Herz schlägt im Takt einer Schweizer Uhr», bekennt die in Zürich wohnhafte Mode­schöpferin in einwand­freiem Schweizer­deutsch. Ihre Vorstellungen von Pünktlichkeit, Qualität, Chancen­gleichheit, Planung und Sicherheit entsprächen sehr viel mehr den Normen von Bern als denjenigen von Bangkok. Sie mag die solide Stabilität des Schweizer Lebens, und sie würde niemals woanders hinziehen. Sunita Kunsanthia ist gleichzeitig stark von der thailändischen Lebensart geprägt, nicht nur äusserlich: Sie liebt das Essen und die Musik des Landes, spricht dessen Sprache und kennt die Bräuche genauso gut wie die Mentalität. «Die Denkweisen unterscheiden sich zum Teil deutlich», beschreibt sie den Kontrast zwischen ihrem Geburtsland und der Schweiz. In Thailand eine Sache nach Schweizer Art anzupacken, kann genauso schiefgehen, wie hier auf dem thailändischen Weg etwas erreichen zu wollen.

Brückenschlag zwischen zwei Kulturen

Das erklärt zumindest teilweise den grossen Erfolg ihres Unter­nehmens für Mass­anzüge. Die Marke Sunita Suits hat sich als persönlicher Ausstatter von Schweizer Bankern, Geschäfts­leuten, TV-Moderatoren und Bräutigamen fest etabliert. Sunita betreibt eine Reihe eleganter Geschäfte mit rund 50 Mitarbeitenden und einer beeindruckenden Erfolgs­rechnung als Einzel­unternehmen. An diesen Punkt hat sie sich von einem Teilzeitjob am Wohn­zimmer­tisch Schritt für Schritt hingearbeitet. Sunitas Erfolg hat sehr viel mit ihrer Fähigkeit zu tun, die Kulturen ihrer beiden Heimat­länder zu verbinden: In Thailand werden ihre Anzüge genäht, in der Schweiz verkauft.

Das geborene Verkaufstalent

Sunita gehört nicht zu jenen Menschen, die schon als Kind wussten, welche Laufbahn sie einschlagen werden. Im Gegenteil: Als sie vor knapp 20 Jahren als 14-jähriges Mädchen in die Schweiz kam, um mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater im ländlichen Mammern am Ufer des Bodensees zu leben, hatte sie ganz andere Sorgen. Zunächst sollte sie eine vollkommen fremde Sprache lernen. Dann musste sie sich an das Leben in einer kleinen Gemeinde gewöhnen – kein Leichtes, wenn man aus Bangkok mit zehn­tausend Mal so vielen Einwohnern kommt.

Das Erste gelang ihr schnell, das Zweite dauerte etwas länger. Es sei ihr zunächst nicht leicht gefallen, sich als einzige Asiatin in das Schweizer Dorfleben zu integrieren, wie sie selbst feststellt. Und wie viele Teenager überall auf dieser Welt erachtete auch sie viele ihrer Aufgaben als sinnlos, entsprechend strengte sie sich in der Schule nur mässig an.

Als Sunita schliesslich eine Lehre im Verkauf begann, verwandelte sich ihr Desinteresse quasi über Nacht in Selbst­vertrauen. Bei Moda Massimo Quirici, einer Luxus­boutique in Schaffhausen, entdeckte sie nicht nur ihr natürliches Verkaufs­talent, sondern auch ihren tiefen Wunsch, durch harte Arbeit erfolgreich zu werden. 2001 bekam sie ihren Traumjob bei einem bekannten inter­nationalen Konzern im Grossraum Zürich. «Dieser Job bot mir die Möglichkeit, ein paar Monate im Jahr in Thailand zu verbringen, wo ich immer noch Familie und Freunde habe», erinnert sie sich. «Den Rest des Jahres lebte ich in der Schweiz – für mich die perfekte Kombination.»

Nur – bei diesem Unternehmen handelte es sich um kein geringeres als die Swissair. Wenige Monate nach Sunitas erstem Arbeitstag fand das legendäre «Grounding» statt. Damit erlitten auch Sunitas berufliche Träume eine Bruchlandung – zumindest vorerst. Sie ging zurück in den Verkauf, diesmal zu einer Telefon­marketing­firma in Feldmeilen, und verkaufte Zeitungs- und Zeitschriftenabos. Trotz ihres raschen Erfolgs waren Bezahlung und Arbeits­bedingungen kein Vergleich zur Swissair. Also hielt sie weiter nach etwas Besserem Ausschau.

Wie alles begann

Eines Tages weckte eine Zeitungs­anzeige, in der mass­geschneiderte Hemden für 140 CHF angeboten wurden, Sunitas Interesse. «Das kann ich besser!», schwor sie sich – und zwar in höherer Qualität zu einem tieferen Preis. Sie hatte recht: Die Kleiderfabrik ihres leiblichen Vaters in Thailand konnte die Ware liefern. Für einen Crashkurs im Schneidern jettete Sunita zu Vaters Schneider­werkstatt in Phuket. Eine Woche später kehrte sie in die Schweiz zurück, ihr Startkapital im Gepäck: ein Massband, ein Computer und fünf Bücher mit Stoffmustern.

Wie so viele Jung­unternehmer führte auch Sunita ihre Geschäfte zunächst abends und am Wochenende von zu Hause aus. Ihre ersten Kunden waren Kollegen aus dem Telemarketing­unternehmen. Es folgten einige Manager einer UBS-Filiale in Winterthur. Der grosse Durchbruch gelang ihr 2004, als die Gratiszeitung «20 Minuten» ihr Angebot vorstellte. Ab jenem Tag klingelte ihr Telefon ununterbrochen. Schon bald eröffnete sie ihren ersten Showroom und machte ihren Nebenjob zum Hauptberuf.

«In Thailand entspricht Management eher der Kunst der Suggestion als dem Erteilen von Befehlen.»

Willkommen im Club

Die Geheimnisse ihres Erfolgs? Einige sind ganz allgemeiner Natur, andere etwas individueller. Zu den Letzteren gehört die Fähigkeit, in zwei verschiedenen Kulturen effizient zu arbeiten.

Bei Schweizer Kunden bedeutet das zum Beispiel, den vollen Preis zu verlangen. Sunitas Anzüge sind verglichen mit Konkurrenz­produkten von der Stange in der Schweiz oder vom Massschneider in London ein Schnäppchen. Trotzdem musste sie lernen, nicht zu wenig dafür zu verlangen. Sie erkannte, dass Qualität für Schweizer selbst­verständlich ihren Preis hat. Ist etwas zu billig, zweifeln sie oft an der Qualität, während sich Menschen aus anderen Kulturen einfach über ein gutes Geschäft freuen.

Für ihre thailändische Belegschaft in der Produktion braucht Sunita mindestens so viel Feingefühl: «Sie mögen es nicht, herum­kommandiert zu werden.» Management ist dort eher eine Kunst der Suggestion als das Erteilen von Befehlen. Ausserdem sind feinste sprachliche Nuancen äusserst zentral, wenn es um etwas so Intimes wie das Anpassen eines Mass­anzugs geht. Schon mehr als einmal konnte Sunita mit ihrer Kommunikations­fähigkeit entscheidende Details retten, die in der Übersetzung verloren gegangen wären.

Wie nicht anders zu erwarten, hat auch Sunita Suits Höhen und Tiefen durchlebt. Die väterliche Fabrik in Phuket wurde 2004 vom Tsunami fast vollständig zerstört. Als ihr Vater den Betrieb in Thailand aus Alters­gründen nicht mehr leiten konnte, zahlte Sunita ihn 2011 aus und übernahm die Produktions­leitung selbst. Manchmal geht bei einem Auftrag etwas schief. Ein Beispiel dafür war eine Bestellung von Uniformen für einen traditionellen Tambouren- und Pfeiferverein im Wallis. Eine Reihe von Produktions­pannen zwang Sunita, fünf Monate lang in Bangkok zu verharren und entsprechende Korrekturen vornehmen zu lassen.

Sunita sieht es entspannt. Der Walliser Auftrag war zwar ein Verlustgeschäft, doch die Kunden waren schliesslich zufrieden. «Das hat mir die Tür zu der lukrativen Nische der Uniform­herstellung geöffnet.» Dieser Bereich ist nicht nur ein einträgliches Marktsegment, sondern auch ein brillantes Marketing­instrument: «Immer wenn sie meine Uniformen tragen, werben sie für meine Marke.» Von Sunita Kunsanthia wird also noch viel zu sehen sein!

Sunita Kunsanthia

Sunita Kunsanthia wurde als Kind eines indischen Vaters und einer thailändischen Mutter in Thailand geboren. Sie kam als Teenager in ein Dorf in der Nordost­schweiz, wo ihre Mutter in zweiter Ehe einen Mann aus der Region heiratete. Nach einer Lehre als Mode­verkäuferin und mehreren Stationen im Bereich Tele­shopping gründete sie ein Dienst­leistungs­unter­nehmen für Mass­anzüge, die sie in Thailand anfertigen lässt. Sunita Suits betreibt mittlerweile mehrere Läden in der Schweiz und erwirt­schaftet einen Jahres­umsatz von über 1 Mio. CHF.

sunitasuits.ch

Success by Sunita

Man könnte sie die Charta des Schneider­hand­werks oder das Vermächtnis einer Schneiderin nennen: Sunita Kunsanthia hat wertvolle Lektionen über das Unter­nehmer­tum gelernt und in drei Leit­gedanken zusammen­gefasst.

  • Der Kunde hat immer recht. Manche Kunden können schon sehr schwierig sein und beispiels­weise die Annahme eines Anzugs verweigern, obwohl sie ihn genau so bestellt haben. Hier empfiehlt es sich, das Kunden­­verhalten einfach zu schlucken und nicht zu diskutieren. «Wenn ich streite, spricht der Kunde schlecht über mich», sagt Sunita, «und das schadet meinem Unter­nehmen mehr als die Rück­nahme des Anzugs.» Allerdings hat sie vorsorglich von der Zahlung bei Lieferung auf Voraus­zahlung umgestellt.
  • Gross­zügigkeit zahlt sich aus. Sunitas thai­län­disches Produktions­team erhält Löhne und Sozial­leistungen, die deutlich über dem lokalen Standard liegen, sowie eine garantierte Mindest­vergütung. Das schafft eiserne Loyalität. Auch wenn zwei Drittel des Personals freie Mitarbeitende sind, arbeiten fast alle dauerhaft mit Sunita zusammen.
  • Nicht über­analysieren. Sunita ist überzeugt, dass man eine Idee am besten einfach umsetzt – in unbewusster Anlehnung an Malcolm Gladwells bahn­brechendes Buch «Blink». «Hätte ich damals auf die Nein­sager gehört und die zahllosen Heraus­forderungen der Unter­nehmens­führung geahnt, hätte ich gar nicht erst angefangen», meint sie wohl­wissend. Und das wäre jammer­schade gewesen – da sind sich ihre Kunden mit Sicher­heit einig.