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Kariem Hussein studiert neben dem Leistungssport Medizin an der Universität Zürich.

Kariem Hussein Leichtathlet
Text: Tina Fassbind/Bilder: Christoph Köstlin, Klinik Hirslanden, Opel Suisse

Mit Träumen und Disziplin über die Hürden

Kariem Hussein ist einer der erfolg­reichsten Sportler der Schweiz. Dass er seine Ziele erreiche, habe er nicht zuletzt seiner Herkunft zu verdanken, sagt der schweizerisch-ägyptische Leichtathlet.

«Ägypten hat viel Potenzial, wenn es sich ohne Druck von aussen entwickeln kann.»

Ihr Lebensmotto lautet: «Sei realistisch und glaube an das Unmögliche.» Warum dieser Widerspruch?

Weil ich von Zielen träume, die auf den ersten Blick vielleicht unrealistisch erscheinen. Andererseits glaube ich fest daran, dass ich sie erreichen kann. In gewisser Weise spiegelt diese innere Haltung auch die beiden Seiten meiner Herkunft wider: Das Träumerische ist typisch für die ägyptische Kultur. Die Disziplin und der Durchhaltewille sind eher etwas Schweizerisches.

Neben dem Spitzensport arbeiten Sie an Ihrem Masterabschluss in Medizin. Beides erfordert viel Disziplin. Ist die Schweizer Seite in Ihnen doch etwas ausgeprägter?

Ich würde eher sagen, dass ich von beiden Kulturen profitiere. Dass ich beispielsweise bereit bin, zum Erreichen meiner Ziele grössere Risiken einzugehen, ist auf mein südländisches Temperament zurück­zuführen.

«In der Schweiz fehlt mir manchmal die Gelassen­heit der Ägypter.»

Als Sie den Europameistertitel holten und die Schweizer Hymne spielte, gingen die Emotionen hoch. Würden Sie bei einer anderen Gelegenheit auch für Ägypten an den Start gehen?

Selbstverständlich würde ich mich geehrt fühlen, für Ägypten anzutreten. Aber ich habe den grösseren Bezug zur Schweiz und bin hier verwurzelt. Ich liebe dieses Land, und es erfüllt mich mit Stolz, die Schweiz in Wettkämpfen vertreten zu dürfen.

Ihr Vater war in Ägypten Profi-Volleyballer und ist seit seiner Einreise in die Schweiz als Osteopath und Physiotherapeut tätig. Ist er Ihr Vorbild?

Ja, mein Vater hat mich stark beeinflusst. Weil wir beide denselben Weg im Leben gewählt haben, stehen wir uns sehr nahe. Was ich an ihm besonders bewundere, ist, dass er sich hier aus dem Nichts eine Existenz aufgebaut hat. Auch zu meiner Mutter habe ich ein sehr enges Verhältnis. Bei meiner Familie finde ich immer Halt.

Ihre Familie lebt noch immer in Tägerwilen am Bodensee, wo Sie aufgewachsen sind. Sie sind aber auch regelmässig zu Besuch bei Ihren Verwandten in Kairo. Was beeindruckt Sie am meisten an Ägypten?

Es sind die Gegensätze in diesem Land. Einerseits ist dort immer etwas los, es ist hektisch und laut. Andererseits sind die Menschen sehr entspannt. Ihre Lebensart ist locker und unverbindlich. Das ist faszinierend, aber auf Dauer wäre das nichts für mich. Der Orient ist wunderschön – das Essen, das Meer, die Lebensfreude. Ich fühle mich dieser Region sehr verbunden. Aber ich lebe wirklich sehr gerne in der Schweiz.

Was schätzen Sie an der Schweiz so sehr?

Es ist hier alles geregelter und organisierter. Ich mag Zuverlässigkeit und bin ein sehr pünktlicher Mensch. Dafür fehlt mir in der Schweiz manchmal die Gelassenheit der Ägypter. Und ich denke, es würde den Schweizern ganz guttun, in gewissen Momenten etwas mehr Emotionen zuzulassen.

Der Nahe Osten befindet sich in einem starken Wandel. Wie erleben Sie das?

Ägypten befindet sich in einer unglaublich vielfältigen Region. Es hat viel Potenzial, wenn es sich ohne Druck von aussen entwickeln kann. In Ägypten sind derzeit grosse Veränderungen im Gang, die hier kaum beachtet werden. Zum Beispiel die Erweiterung des Suezkanals vor einem Jahr. Das ist ein bahnbrechendes Projekt für das Land – vergleichbar mit dem neuen Gotthardtunnel in der Schweiz. Beide Länder können stolz sein auf diese Erfolge.

Kariem Hussein ist Europameister! Beitrag von SRF zwei, sportlive, 2014


Kariem Hussein ist «Newcomer des Jahres», SRF 1, Sports Awards, 2014

Kariem Hussein

Kariem Hussein ist mit seinen beiden Schwestern in der Thurgauer Gemeinde Tägerwilen auf­­gewachsen, aus der auch seine Mutter stammt. Sein Vater wuchs in Kairo auf, bevor er vor rund 40 Jahren in die Schweiz einreiste. Der 27-jährige Athlet errang als Hürden­läufer fünf Schweizer­-​​Meister-Titel, EM-Titel 2014 und EM-Bronze 2016. Die Medizin ist neben der Leicht­athletik Husseins zweite Passion. 2012 hat er seinen Bachelor-Abschluss gemacht und ist derzeit an der Universität Zürich fürs Masterstudium eingeschrieben.

www.kariem.ch