Jonas Lüscher Schriftsteller
Text: Redaktion ceo Magazin/Bilder: Marc Wetli

#Man_sollte #Menschen #nicht_in #Hashtags #beschreiben

«Kulturpessimismus liegt mir fern»

Der Schriftsteller Jonas Lüscher, aktueller Träger des Schweizer Buchpreises, setzt sich kritisch mit den Folgen der Digitalisierung für die Gesellschaft auseinander. Auf Geräte und Anwendungen, die ­seine Arbeit erleichtern, will und kann auch er nicht verzichten.

«Was der Umgang mit dem Digitalen im Kleinen bewirken kann, sehe ich an mir selbst. Die Fähigkeit, sich auf etwas zu konzen­trieren, nimmt ab.»

Zwei Ihrer Werke, «Frühling der Barbaren» und «Kraft», wurden mit namhaften Preisen ausgezeichnet. Mit welchem Gerät haben Sie die Manuskripte festgehalten?

Mit dem Laptop. Dabei muss ich mich aber fokussieren. Zum Schreiben verwende ich ein minimalistisches Programm, den «iA Writer», der alle möglichen Ablenkungen und Formatierungen ausblendet. Zusätzlich habe ich eine Selbstkontroll-App installiert, die mir für eine gewisse Zeit den Zugang ins Internet verwehrt – dagegen hilft dann auch kein Passwort oder Neustart.

Welche weiteren digitalen Assistenten nutzen Sie privat oder beruflich?

Meine Romanstoffe sind hinsichtlich Recherche generell sehr aufwendig. Dafür nutze ich alle möglichen Quellen – das Internet ist aber als Rechercheinstrument absolut unverzichtbar. Eine Anwendung, auf die ich ungern verzichten würde, ist Google Maps. Sie hilft mir bei der Organisation und der Orientierung auf Lesereisen, wenn ich in fremden Städten Halt mache.

«Von einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die kreative Lösungen für die unter­schied­lichsten Aufgaben findet, so wie wir Menschen das können, sind wir noch weit entfernt.»

Wie beeinflussen die digitalen Gadgets unseren Alltag?

Wir wissen noch gar nicht, wohin es führt, dass wir nun alle mit leistungsfähigen kleinen Computern ausgestattet sind. Mir kommt es vor wie ein riesiges Experiment an der Menschheit. Natürlich irritiert es mich, wenn ich in München in der U-Bahn sitze und sehe, wie alle auf ihre Geräte starren. Aber sie kommunizieren ja dabei auch, wenn auch nicht mit den Personen um sie herum. Und früher haben sich die Menschen in der U-Bahn auch nicht so oft angeregt unterhalten. Wie sehr das längerfristig unsere Gesellschaft und den Einzelnen verändert, werden wir erst noch herausfinden müssen.

Sie haben sich öffentlich von einem der sozialen Netzwerke, Facebook, verabschiedet. Was führte zum Bruch?

Ich war dort nur eine kurze Zeit aktiv – etwa drei Monate lang –, in erster Linie, um den Kontakt zu Schrift­stelle­rkollegen in Ägypten zu halten. Aber die automatische Übersetzung aus dem Arabischen war zu schlecht. Dann dieser unendliche eklektische Fluss an Inhalten in der Timeline, diese Mischung aus Privatem, Reklame, Empfehlungen teils sogar sehr interessanter Artikel, Katzenvideos und Selbstbewerbung empfand ich als beliebig und wenig erbaulich. Es hat mir schlicht nichts gebracht. Den Ausschlag für den Ausstieg gab aber eine Erfahrung mit einem Attentat in München, bei dem die sozialen Medien in Echtzeit Gerüchte und Falschmeldungen transportiert haben und das zu einer furchtbaren Hysterie führte… Am Tag danach habe ich meinen Account gelöscht.

In «Kraft», Ihrem 2017 erschienenen aktuellen Roman, setzen Sie sich kritisch mit den Folgen der Digitalisierung für den Menschen auseinander. Wie kommt es, dass Sie, anders als der Mainstream, die Versprechen der Technologie eher kritisch sehen?

Persönliche Erfahrungen, die ich während eines neunmonatigen Forschungsauf­enthalts an der Universität Stanford in Kalifornien machen durfte, haben mich wohl beeinflusst. Ich habe dort – im Herzen des Silicon Valley – viele Gespräche geführt und gemerkt, welche Logik hinter dem Selbstverständnis der Leute steht, die dort in Forschung und Hightech-Industrie Karriere machen. Um zu reüssieren, müssen sie ihre Ideen aggressiv verkaufen. Es fehlt ihnen aber oft der Blick für die wirklich relevanten Probleme. Ich denke, wir sollten allen grossen Versprechen erst einmal kritisch gegenüberstehen. Vor allem, wenn es dabei um viel Geld geht, ist Vorsicht angebracht.

Verändert die Digitalisierung unsere sozialen Strukturen und unser Zusammenleben? Falls ja, wie macht sich das bemerkbar?

Da stehen wir wohl erst ganz am Anfang einer längeren Entwicklung. Was der Umgang mit dem Digitalen im Kleinen bewirken kann, sehe ich an mir selbst. Die Aufmerksam­keits­spanne sinkt. Die Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, nimmt ab. Früher konnte ich mich stundenlang in einen Roman vertiefen. Heute, wenn das Smartphone in Griffweite liegt, lasse ich mich leichter ablenken, suche ständig nach Verweisen und Quellen. Ich halte das aber nicht für den Untergang des Abendlandes. Veränderung ist ja nicht per se gut oder schlecht.

Mensch versus Maschine, wer gewinnt?

Kulturpessimismus liegt mir fern. Aber Technologie hat grundsätzlich Potenzial für eine dystopische Entwicklung. Wichtig ist, dieses Potenzial und die grösseren Fragestellungen im Auge zu behalten: Vermag die Technik die Ungleichheit zu verringern oder zu vergrössern? Dient sie nur den Wohlhabenden oder allen? Technologische Errungenschaften mögen in Demokratien ungefährlich erscheinen. Was aber bewirken sie in autoritären Regimes und Diktaturen? Die Entwicklung in China etwa, wo der gläserne Bürger fast schon Realität geworden ist, erfüllt mich mit Sorge.

Wo sind wir Robotern noch überlegen – und wie lange noch?

Da gilt es meiner Meinung nach zu unterscheiden. Künstliche Intelligenz, wie wir sie heute kennen, betrifft einzelne Fähigkeiten wie autonomes Fahren, Go spielen oder das Erledigen von Alltags­aufgaben. Von einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die kreative Lösungen für die unterschiedlichsten Aufgaben findet, so wie wir Menschen das können, sind wir noch weit entfernt. Auch bin ich mir nicht sicher, ob eine solche allgemeine KI aus wirtschaftlicher Perspektive überhaupt interessant wäre, ob nicht Automaten, die genau eine Aufgabe sehr gut erfüllen, ökonomisch mehr Sinn machen.

Und was bedeutet die Entwicklung der KI für die zwischenmenschliche Kommunikation?

Es gibt heute schon Anwendungen, denen wir nicht mehr trauen können: digitale Bots (automatisierte Computerskripte), Bildmanipulationen oder Videointerviews, die nie stattgefunden haben, zum Beispiel. Irgendwann wird es uns egal sein, ob zu uns ein realer Mensch spricht oder ein Roboter, der mit Selbstvertrauen und Intelligenz ausgestattet ist.

Welche Kommunikationswege bevorzugen Sie persönlich?

Am liebsten ist mir immer noch das direkte Gespräch, bei dem ich dem Gegenüber in die Augen sehen kann. E-Mails nutze ich intensiv, kenne aber auch die Schatten­seiten. Es geht viel zu einfach. Die Folge ist eine Flut von Nachrichten. Telefonieren mag ich eigentlich nicht besonders, wobei: Skype finde ich wunderbar. Ich halte damit den Kontakt zu meinem Bruder, der sehr weit weg wohnt.

Viele von uns sind dauernd online und ständig erreichbar. Wie wichtig sind für Sie Offline-Oasen?

Es braucht sie – gerade weil die Verlockungen der digitalen Welt ein gewisses Suchtpotenzial aufweisen. Ich habe schon erwähnt, dass ich dafür ironischerweise eine eigene App verwende. Dass wir uns solche Oasen wünschen, deute ich als Zeichen einer Gegen­bewegung. Die ständige Erreichbar­keit wird nicht mehr vorausgesetzt. Ich lasse mir oft auch viel Zeit für das Beantworten.

Viele von uns sind dauernd online und ständig erreichbar. Wie wichtig sind für Sie Offline-Oasen?

Es braucht sie – gerade weil die Verlockungen der digitalen Welt ein gewisses Suchtpotenzial aufweisen. Ich habe schon erwähnt, dass ich dafür ironischerweise eine eigene App verwende. Dass wir uns solche Oasen wünschen, deute ich als Zeichen einer Gegenbewegung. Die ständige Erreichbarkeit wird nicht mehr vorausgesetzt. Ich lasse mir oft auch viel Zeit für das Beantworten.

Macht die Digitalisierung unser Leben besser oder schlechter?

Beides. Das ist doch ganz abhängig von der jeweiligen Anwendung. «Die Digitali­sierung» gibt es gar nicht, es gibt nur eine unglaub­liche Anzahl an neuen Plattformen, An­wendungen, Technologien, Algorithmen. Eigentlich müssen wir sie alle einzeln be­werten. Jede neue Technologie: Ist sie sinnvoll, ist sie eventuell gefährlich, wie nutzen wir sie am besten, wie können wir die Risiken minimieren? Das sind keine Fragen, die wir für «die Digitalisierung» als Gesamtes beantworten können.

Was wiegt Ihrer Meinung nach mehr: die Risiken oder die Möglichkeiten, die mit dem digitalen Fortschritt einhergehen?

Das ist vielleicht gar nicht die richtige Frage. Der technologische Fortschritt vollzieht sich ja so oder so. Also ist die entscheidende Frage eher, wie wir damit umgehen.

Welche Entwicklung wird unser Leben in Zukunft am meisten prägen?

Prognosen mache ich nicht gern, man liegt ja oft daneben. Was wurde uns in den letzten Jahren nicht alles versprochen. Die Smart-watch oder das 3-D-Kino etwa sind Beispiele für nicht erfüllte Erwartungen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns nicht nur mit digitalen Gadgets auseinan­dersetzen, sondern die grossen Herausfor­derungen angehen, die letztlich «alte Industrien» betreffen: Stadtentwicklung, Wohnungsbau, Energieversorgung oder Verkehr. Die Digi­talisierung kann uns dabei helfen.

Sie sind Autor, Schriftsteller, Essayist, Dramaturg, Ethiker und Wissenschaftler: Was steht an erster Stelle?

Der Autor.

In welchem Umfeld ist Ihnen am wohlsten?

Zu Hause einen Abend gemeinsam mit Freunden zu verbringen.

Wert der Auszeichnungen?

Preise sind für mich nicht allein Bestätigung meiner Arbeit. Sie sind für uns Schriftsteller auch Teil des Einkommens.

Nächste Projekte?

Ich habe mehrere Essays in Arbeit und bereite meinen nächsten Roman vor. Das alles ist aber noch nicht weit genug gediehen, als dass ich darüber sprechen möchte.

Kurze Fragen – kurze Antworten

Falls Sie sich in 3 Hashtags beschreiben müssten, welche wären dies?

Man sollte #Menschen #nicht in #Hashtags beschreiben.

Welches ist Ihre Lieblings-App? Welche App ist aus Ihrem persönlichen oder beruflichen Alltag nicht mehr wegzudenken?

Google Maps.

Welches Hintergrundbild ist auf Ihrem Handy oder Laptop zu sehen?

Ein Foto der drei Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins, aufgenommen zwei Wochen vor ihrem Flug zum Mond.

Was war Ihr Traumberuf, als Sie noch ein Kind waren? Warum haben Sie sich schlussendlich für diese Laufbahn entschieden?

Tiefseetaucher. Aber bald habe ich sehr viel gelesen und damit kam auch der Wunsch Schriftsteller zu werden.

Können Sie sich an Ihr erstes Handy erinnern? Welches Modell war es?

Es war ein graues Klapp-Handy. An die Marke kann ich mich nicht mehr erinnern.

Jonas Lüscher

Der Schriftsteller Jonas Lüscher (42) ist Philosoph, Essayist und Dramaturg. Geboren in Schlieren bei Zürich und aufgewachsen in Bern, wo er eine Ausbildung zum Primarlehrer machte, zog Lüscher vor 17 Jahren nach München, wo er heute mit seiner Familie lebt. Er arbeitete als Filmdramaturg und studierte später Philosophie. Sein neuester, bei Beck verlegter Roman «Kraft», der mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, thema­ti­siert die pessi­mistische Weltsicht des alten Europas und den Technologie- und Zukunfts­optimismus im Silicon Valley. Die Idee zum Buch kam Lüscher während eines vom Schweizerischen National­fonds geförderten Forschungs­aufenthalts an der Stanford University. Bekannt geworden ist Jonas Lüscher mit seinem Romandebüt «Frühling der Barbaren», das sich mit den Auswirkungen der Finanzkrise beschäftigt. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.