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Google ist berühmt für das ausgefallene Arbeitsplatzkonzept. «Sich wohlfühlen, um kreativ zu sein», lautet die Devise.

Patrick Warnking Google Schweiz
Text: Sara Meier/Bilder: Google Switzerland / © SLiphardt

#Mehrwert_für_Menschen #lebenslanges_Lernen #mehr_Innovation

Nie ausgelernt

Patrick Warnking, Country Director von Google Schweiz, spricht über die Digitalisierung als Alltagserleichterung und Grundlage für die Demokratisi­erung von Meinung und Bildung. Und darüber, warum sie uns Zeit für die wichtigen Dinge im Leben verschafft.

«Mir machen Menschen Sorgen, die entweder alles Schlechte an der Digitali­sierung aufhängen oder diese völlig gutgläubig betrachten.»

Ein Sommer auf der Alp, ohne Handy, Tablet, Laptop und WLAN: Traum oder Albtraum?

Realität. Meine Frau und ich achten für unsere Kinder und für uns selber darauf, mit allen Medien nach klaren Prinzipien umzugehen. Medienkompetenz ist mir sehr wichtig. Gleichzeitig ist der persönliche Austausch zwischen Menschen weiter zentral für Erfolg und Zufriedenheit – im Privat- genauso wie im Geschäftsleben.

Googeln Sie selber noch? Wenn ja, was?

Sicher, oft sogar. Die Suche nach relevanten Informationen hört nie auf, und Lernen gilt lebenslang. Eine gute Suchmaschine stellt die relevanten Verlinkungen her. Meine Anfragen stelle ich meistens zu praktischen Themen: ÖV-Verbindungen, Öffnungs­zeiten, Verfügbarkeiten von Produkten. Am meisten helfen mir erklärende «How-to-Videos».

«Individuelle Fähigkeiten und Stärken sind auch in Zukunft entscheidend.»

Warum hat sich der Mensch digitalisiert? Warum ist die Digitalisierung eine moderne Form der Evolution?

Der Mensch digitalisiert sich nicht. Die Digitalisierung unterstützt den Menschen im Alltag. Nehmen wir das Smartphone: Es spart Zeit. Es hilft mir in der Kommuni­kation, Orientierung und Transaktion. Es schenkt mir mit Fotos, Musik und Videos schöne Momente. Aber selbstverständlich müssen wir dafür sorgen, dass Sicherheit, Transparenz und Kontrolle für die Menschen zu 100 Prozent gewährleistet bleiben. Wir entscheiden, was wir wann und wie nutzen. Jeder registrierte Nutzer kann diese Einstellungen beispielsweise in «Google: Mein Konto» für sich vornehmen.

«Digitalisiert» bedeutet in der Wirt­schaft «kundenorientiert(er)» oder «bedienungs­freundlich(er)». Was bedeutet es im Privatleben?

Die Digitalisierung muss einen Mehrwert liefern, auch privat. Durch das Erledigen von Routineaufgaben verschafft sie dem Menschen Zeit für wichtigere Dinge im Leben.

Sie tragen mit dem digitalen Wandel dazu bei, dass Menschen ihre Zukunft positiver gestalten. Inwiefern?

Wir treiben den digitalen Wandel sehr direkt an, etwa mit treffenden Sucher­gebnissen, ÖV-Daten und Velowegen in Google Maps, einem sicheren Browser, starken Filtern als Schutz vor uner­wünschten E-Mails in Gmail oder mit Android als gutem Betriebssystem für Mobiltelefone. Indirekt stärken wir die digitale Transformation mit Tools oder kostenlosen Schulungen für Unternehmen. So fragen zahlreiche KMU bei uns an, wie sie ihre Internetseiten für die Smartphone-Nutzung optimieren können. Oder sie wollen besser gefunden werden, neue Kunden gewinnen, ihre Produkte und Dienst­leistungen mit Videos besser erklären.

Google betreibt in Zürich das weltweit grösste Entwicklungszentrum ausserhalb der USA. Warum hier?

Google investiert in Innovation. Dafür sind wir auf die hochwertige Arbeit von top ausgebildeten Menschen angewiesen. Die Schweiz passt mit ihren Stärken in weiten Teilen zu den Erfolgsfaktoren von Google. Diese «Liebesgeschichte» dauert schon seit 2004. Die Schweiz steht zudem für Werte, Sprachenvielfalt, Kultur, Export und Stabilität. Damit bietet sie eine her­vor­ragende Grundlage für weltweit exportierte Software «made in Switzerland».

Welche Chancen bietet die digitale Welt?

Das Internet enthält basisdemokratische Elemente. Diese machen die Schweiz seit Jahrhunderten erfolgreich. Mir persönlich sind in der Digitalisierung vor allem der Zugang zu Meinungsvielfalt und eine Demokratisierung der Aus- und Weiterbildung wichtig. Diese gestaltet unsere Welt demokratischer und reduziert Armut sowie Ungerechtigkeit.

Millionen von Menschen können sich heute über das Internet austauschen. Inwiefern hat dieser Dialog den Menschen verändert?

Persönliche Begegnungen bleiben entscheidend; der Austausch übers Internet kann diese nicht ersetzen. Aber wer sich kennt, kann sich online austauschen. Zum Beispiel können wir mit einer Videokon­ferenz CO2-Emissionen reduzieren, weil Autofahrten oder Flüge entfallen. Besonders relevant finde ich die Online-Weiterbildung wie ­etwa die MOOC-Kurse an der EPFL oder die Khan Academy. Solche Angebote verändern den Dialog von zig Millionen von Menschen positiv.

Wie hat die Digitalisierung Ihr eigenes Leben verändert?

Ich habe eine Frau, fünf Kinder, einen Hund und viele Hobbys. Mit den Anwendungen für Fotos, Musik- und Videoclips – alles vereint auf einem Gerät – hilft mir die Digitalisierung jeden Tag und zaubert oft ein Lächeln aufs Gesicht. Ich selber nutzte in meiner Jugend noch Musik- und Videokassetten, CDs, DVDs, Disketten­laufwerke und Ähnliches. Diesen Fortschritt finde ich unglaublich.

Die künstliche Intelligenz wurde von Menschen erfunden. Liegt sie über oder unter dem menschlichen IQ?

ie wird immer unter dem menschlichen Verstand liegen, da die emotionale Kompo­nente fehlt. Der IQ und der emotio­nale Quotient EQ gehören zusammen. Deshalb glaube ich nicht, dass man Werte und Erfolge zwischen Menschen künstlich ersetzen kann. Was heute oft als künstliche Intelligenz bezeichnet wird, ist eigentlich eine fortgeschrittene Mustererkennung auf Basis von Millionen von Beispielen.

Wie unterstützt die Maschine den Menschen im Alltag? Wie umgekehrt?

Der Mensch denkt, lenkt und kontrolliert. Die Maschine braucht diese Hilfe. Sie führt aus, was sie aus Mustern und Routine gelernt hat. Die häufigste Anwendung ist die Bild- und Spracherkennung. Ärzte können etwa die Mustererkennung in der Diagnose von Röntgenbildern einsetzen und die Früh­­erkennung von Krankheiten verbessern.

Bitte beschreiben Sie den Prototypen des Talents 4.0.

Einen solchen wird es nie geben, da die Menschen zu verschieden sind. Individuelle Fähigkeiten und Stärken sind auch in Zukunft entscheidend. Generell werden Begabungen wie analytisches Denken, kritisches Reflektieren, Teamfähigkeit, Feedbackkultur, Respekt, Minderheiten­integration und vor allem auch lebenslanges Lernen Priorität haben.

Welche Formen der Digitalisierung sind aus Ihrer Sicht die prägendsten?

Solche, die das Kennenlernen und den Dialog zwischen Menschen ermöglichen, Energie sparen, Routinearbeiten erledigen, Information und Unterhaltung über Video anbieten, Innovation fördern, oder Muster­erkennung und Weiterbildung gestatten.

Die Digitalisierung macht die Echtzeit zur wichtigsten Messgrösse des gesellschaftlichen Tempos. Was ist mit gestern? Was mit übermorgen?

Für mich ändert die Digitalisierung nichts daran, dass Erfahrung und Bildung der Menschen aus der Vergangenheit die grössten Erfolgsfaktoren für Gegenwart und Zukunft sind.

Wo haben Sie Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung?

Wahrscheinlich unterschätzen wir heute deren Chancen und Risiken. Mir machen Menschen Sorgen, die entweder alles Schlechte an der Digitalisierung aufhängen oder diese völlig gutgläubig betrachten. Und es bereitet mir Kopfzerbrechen, wenn der Zugang zum Internet übertrieben einge­schränkt wird. Denn für mich über­wiegt das Positive – solange wir Menschen und Menschlichkeit als wichtigste Erfolgsfaktoren sehen.

Wo befindet sich Ihre persönliche internetfreie Zone?

Zu Hause, in den Ferien und in der Natur.

Welche Frage hätten Sie schon immer gern einmal beantwortet?

«Welche App nutzen Sie öfter als Google-Apps?» Es ist die SBB-App.

Patrick Warnking

Seit 2011 ist Patrick Warnking Country Director Google Schweiz. Von 2007 bis 2010 hat er mehrere Teams für Medien, Games, Entertainment und Classified bei Google in Deutschland geleitet. Vor Google hat er zehn Jahre den Aufbau von Digital bei der Kirch-Gruppe und bei ProSiebenSat.1 Media SE begleitet – zuletzt als Commercial Director für Digital. Stationen der Ausbildung waren Bank­kaufmann, Diplom-Kaufmann, internationales MBA in Berlin, Mailand, New York und das Stanford Executive Program. Im Rahmen von Ausbildung und Jobs hat Patrick Warnking in Deutschland, in den USA, in Italien und der Schweiz gelebt.

Google Switzerland

Google Switzerland ist das grösste Entwicklungs­zentrum des Konzerns ausserhalb der USA. In Zürich arbeiten mittlerweile fast 2’500 Mitarbeitende aus 85 Nationen an zwei Standorten. Sie verfeinern die Algorithmen der Google-Suche und andere Funktionen wie den Google Assistant oder Calendar. Zum Beispiel wurde die Kar­ten-­App von Google in der Schweiz entwickelt. Ausserdem sind hier das europaweit grösste YouTube-Entwicklerteam sowie das Google-Forschungszentrum für maschinelles Lernen angesiedelt.

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