Digitale Spritzen steigern Lebensqualität

Text: Redaktion ceo Magazin | Bilder: Markus Bertschi | Magazin: Life & Science – Juli 2017

Eine einfache Selbstmedikation war die Vision bei der Gründung des Injektions- und Infusionssystem-Herstellers Ypsomed. Daran hat sich trotz dem wissenschaftlichen Fortschritt nichts geändert.
Mit einer verbesserten Überwachung der Selbstmedikation liesse sich gleichzeitig die Wirkung einer Therapie markant verbessern, ist Ypsomed-Chef Simon Michel überzeugt. Deshalb setzt das Unternehmen unter anderem auf Digitalisierung und Cloud-Dienstleistungen.

Welche drei Begriffe fallen Ihnen zum Thema «Leben» ein?

Freiheit, Familie und Gesundheit. Ich begründe: Freiheit ist für mich das höchste Gut. Die Familie bildet die Basis für den beruflichen und privaten Erfolg. Und eine gute Gesundheit ist die Voraussetzung, um das Leben überhaupt zu geniessen.

Ihren Endkunden macht besonders Letzteres zu schaffen. Wie helfen Sie ihnen?

Indem wir die Selbstbehandlung zur Selbst­verständlichkeit werden lassen, verbessern wir die Lebensqualität der Menschen. Dies betrifft vor allem Diabetiker, gilt aber vermehrt auch für andere Krankheiten. Für sie alle soll die Therapie so natürlich und unkompliziert sein wie Zähneputzen.

Wie erreichen Sie das?

Indem wir Produkte entwickeln, die sehr einfach zu handhaben sind und keine Fehler zulassen. Zudem sollten sie unabhängig vom Ort und von Dritten anwendbar sein. Nach einer Chemotherapie beispielsweise müssen sich viele Patienten selber Spritzen injizieren. Da sie von der Behandlung stark beansprucht werden, vernachlässigen sie dies oft – mit der Folge, dass sie erneut ins Spital müssen. Das darf nicht sein. Gelingt es uns, die Nachtherapie zu vereinfachen und zu überwachen, dann werden wir ihre Wirkung markant verbessern.

«Bei Diabetes steht die Medizintechnik, auch nach mehr als 50 Jahren Forschung und Entwicklung, noch am Anfang.»

Wie stellen Sie sich diese Überwachung vor?

Es braucht intelligente Produkte – in der An­wendung und was die Technologie betrifft. Unsere Injektions- und Infusionssysteme sind leichtverständlich. Daher genügt für unsere Insulinpumpen eine kurze Schulung statt einer ganztägigen Ausbildung. Einige unserer Produkte registrieren zudem, ob, wann und wie gespritzt wurde. Diese Daten wollen wir den Nutzern, aber auch deren Eltern oder dem Gesundheitssystem zur Verfügung stellen.

Kann man denn die Spritzen nicht gänzlich ersetzen?

Nein, das ist aufgrund der menschlichen Physio­gnomie nicht möglich. Insulin und viele neu entwickelte Medikamente sind Moleküle, die so gross sind, dass sie die Magenwand nicht passieren und ohne Wirkung wieder abgebaut würden.

Wie hat sich die Vision von Ypsomed in den vergangenen Jahren verändert?

Sie ist eigentlich gleich geblieben. Mein Vater hatte vor 30 Jahren erkannt, dass die kom­plizierte Anwendung und die Ungenauigkeit beim Spritzen Hauptprobleme einer erfolg­reichen Diabetesbehandlung sind. Mit Insulin­pumpen konnte die Therapie vereinfacht und die Lebenserwartung der Betroffenen massiv verlängert werden. Später sind dann Injektions-Pens hinzugekommen.

Simon Michel (40) ist seit dem 1. Juli 2014 CEO der Medizinaltechnik-Firma Ypsomed. Der Sohn des Firmengründers Willy Michel arbeitet seit 2006 im Unternehmen und war ab 2008 als Geschäftsleitungsmitglied verantwortlich für den Bereich Marketing & Sales. Von 2003 bis 2006 war Michel bei der Firma Orange Communications tätig, wo er unter anderem für die Einführung von UMTS verantwortlich war. Er hat an der Universität St. Gallen Wirtschaft studiert und in der Vertiefung Medien- und Kommunikationsmanagement mit einem Master abgeschlossen. Simon Michel ist Kantonsrat in Solothurn, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Welches sind heute die grössten gesund­heitlichen Herausforderungen?

Auf der einen Seite kennen wir den Menschen noch immer zu wenig gut. Gegen viele Krank­heiten gibt es keine Impfung, geschweige denn können sie geheilt werden. Dies betrifft beispielsweise Autoimmunerkrankungen
wie Typ-1-Diabetes, Psoriasis, Morbus Crohn oder Polyarthritis. Hier hilft nur eine Therapie. Auf der anderen Seite explodieren die Gesundheitskosten. Die grösste Heraus­forderung ist wohl, eine Balance zwischen notwendiger Forschung und überschaubaren Kosten herzustellen.

Wie hat sich die Behandlung von Diabetes in den vergangenen Jahren verändert?

Sie wurde massiv verbessert. Insbesondere die Kontrolle des Blutzuckers anhand eines Blut­tropfens und mithilfe eines Teststreifens ist viel genauer geworden. Aus den Resultaten
lässt sich berechnen, wie viel Insulin gespritzt werden muss. Inzwischen gibt es neue Technologien, die eine kontinuierliche Blut­zuckermessung erlauben. Diese messen aber verzögert. Auch hier gibt es noch Handlungs­bedarf.

«Mit der weltweit steigenden Zahl an Diabetikern dürfte die Nachfrage nach unseren Produkten weiter zunehmen.»

Welche Bedeutung hatte dabei die Wissenschaft?

Sie versucht, die Krankheit zu verstehen und neue Therapieformen zu etablieren. Wenn, wie im Falle von Typ-2-Diabetes, die Bauch­speicheldrüse zu wenig Insulin bildet, dann kann man heute die Insulintherapie mit gezielter Diät, Fitness und Tabletten für mehrere Jahre hinauszögern. Ansonsten steht die Medizinaltechnik, auch nach mehr als 50 Jahren Forschung und Entwicklung, noch am Anfang.

Was unternimmt Ypsomed selber?

Bei uns forschen und entwickeln über 120 Ingenieure täglich an neuen Konzepten und Lösungen. Im Vordergrund stehen Pen-Systeme für Diabetiker und sogenannte Autoinjektoren für neue Medikamente in verschiedenen Therapiegebieten. Unser Ziel ist zudem eine höhere Automatisierung. Dazu werden wir die Insulinpumpe mit der Blutzuckermessung koppeln. Der Wert wird dann direkt an die Pumpe übertragen, welche die entsprechende Infusion auslöst.

Ypsomed ist der führende Anbieter von Injektions- und Infusionssystemen für die Selbstmedikation. Das Unternehmen ist 2003 durch die Aufspaltung der Burgdorfer Disetronic-Gruppe entstanden. Mit­begründer und Hauptaktionär Willy Michel verkaufte den Infusionsteil an Roche, führte jedoch den Injektionsteil als eigen­ständiges Unternehmen weiter. 2004 ging Ypsomed an die Schweizer Börse SIX. Das Unternehmen erzielte im Geschäftsjahr 2016/2017 per 31. März 2017 bei einem Umsatz von rund 390 Millionen CHF einen Gewinn vor Steuern von gut 55 Millionen CHF. Neben dem Hauptsitz in Burgdorf verfügt Ypsomed über ein globales Netzwerk aus Produktionsstandorten, Tochter­gesellschaften und Vertriebspartnern und beschäftigt weltweit gegen 1400 Mitarbeiter.

www.ypsomed.ch

Wie verfolgen Sie Markttrends, um sie in neue Produkte einzubringen?

Wir sind in zahlreichen Gremien vertreten, reisen viel und stehen in engem Kontakt mit unseren Kunden. So erkennen wir die aktuellen Trends. Ein Beispiel: Als ich in die Firma eingestiegen bin, verkauften wir Projekte reaktiv auf Anfrage aus der Pharmaindustrie. Dabei dauerte es bis zu vier Jahren, bis wir das neue Produkt ausliefern konnten. Heute haben wir ein neues Geschäftsmodell: Wir sind auf die Pharmafirmen zugegangen und haben deren Pipeline analysiert. Anhand der Resultate haben wir über ein Dutzend Injektionssystem-Plattformen entwickelt, die wir nur noch an die spezifischen Anforderungen anpassen müssen, wenn eine entsprechende Anfrage eintrifft. Der Implementierungsprozess dauert so nur noch wenige Monate, ist wesentlich günstiger und mit weniger Risiken für den Kunden behaftet.

Wie eng sind Sie mit den Pharmakonzernen verbunden?

Wir sind mehr als nur verheiratet – eine Trennung ist praktisch ausgeschlossen. Denn wenn ein Pharmakonzern bei den Behörden eine Medikamentenzulassung beantragt, ist unser Pen ein Bestandteil des Dossiers. Das Gerät kann anschliessend nicht mehr ohne weiteres ausgetauscht werden. Aktuell gewinnen wir sieben bis acht von zehn Aus­schreibungen. Daher bin ich sehr zu­versichtlich, was unsere Zukunft angeht.

Wo steht Ypsomed in zehn Jahren?

Mit der weltweit steigenden Zahl an Diabetikern dürfte die Nachfrage nach unseren Produkten weiter zunehmen. Hinzu kommt die Cloud-Technologie, die massgeblich zur Verbes­serung der Therapie beitragen wird. So könnten die Krankenkassen oder Ärzte beispielsweise den Erfolg einer Behandlung überwachen und die Versicherten an eine Injektion erinnern. Der exogene Druck wird dazu führen, dass man Diabetes besser in den Griff bekommt.

Werden Sie selber eine Cloud entwickeln?

Im Pumpengeschäft haben wir mit der mylife Cloud und der mylife App, welche mit der Insulinpumpe verbunden ist, bereits eine Cloud im Angebot. Cloud-Dienstleistungen kauft man typischerweise ein, man muss sie für seine Zwecke anpassen. Bei den Pens müssen wir das Geschäftsmodell erst etab­lieren und den Pharmafirmen aufzeigen, dass man mit zusätzlichen Daten die Therapie verbessern kann. Mit den Cloud-Dienst­leistungen entwickeln wir einen neuen Markt. Ich bin überzeugt, dass wir in fünf Jahren die ersten Produkte oder Dienstleistungen in diesem Bereich verkaufen werden.

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