«Veränderung braucht
Zeit und Mut»

Text: Olivia Kinghorst | Bilder: www.foto-shooting.ch | Magazin: Aus Mut gemacht – Oktober 2022

Sie ist eines der bekanntesten Gesichter der Schweizer Finanzbranche und steht an der Spitze des Vermögensverwalters von BlackRock in der Schweiz. Mirjam Staub-Bisang sprach mit ceo Magazin über die Bewältigung des Wandels, schwierige Entscheidungen und mutige Führung.

Sie leiten einen der weltweit grössten Vermögensverwalter in der Schweiz mit hierzulande rund sieben Prozent Marktanteil. War eine Laufbahn im Finanzbereich schon immer Teil Ihres Plans?

Nicht direkt, meine frühen Ambitionen lagen eher auf der Eisbahn! Gleichzeitig hatte ich aber auch immer schon eine grosse Neugier für neue Herausforderungen ausserhalb des Sports. Nach meinem Anwaltspatent und ersten Erfahrungen als Juristin in Zürich bot sich mir die Möglichkeit, bei einer Investmentbank in London zu arbeiten. Das war mein Einstieg in die Finanzbranche, was rückblickend sicherlich eine harte, aber beruflich umso prägendere Zeit war.

Und der Rest ist Geschichte?

Das war ein grosser Schritt für mich, den ich allerdings nie bereut habe. War doch meine Ausbildung primär juristischer statt ökonomischer Natur. Unternehmen an den Kapitalmarkt zu bringen und die M&A-Beratung haben mich geprägt und ich erachte es auch heute noch als spannend. Dieser Weg führte mich tief in die Welt des Private Equity und der Hedgefonds bei grossen Investmenthäusern. Im Jahr 2005 wollte ich jedoch selbständig arbeiten. Zusammen mit zwei Partnern gründete ich die Investmentgesellschaft Independent Capital Group, die ich 13 Jahre lang leiten durfte. Heute fühle ich mich bei BlackRock zu Hause. Ich empfinde es als Privileg, dass mein Alltag weiterhin sehr vielfältig ist und immer zahlreiche spannende Projekte anstehen.

«Es erfordert viel mehr Kraft, Nein zu sagen und zu seiner Meinung zu stehen.»

Wie haben Sie sich an diese Rolle herangetastet?

Zu Beginn haben mich einige Leute darauf angesprochen, warum ich mich in eine komplexe Unternehmensstruktur einfügen möchte, nachdem ich doch lange ein eigenes Unternehmen geführt habe. Damals wie heute bereue ich auch diese Entscheidung keineswegs und so habe ich mich vorbehaltlos auf das neue Kapitel eingelassen. Man könnte dies als stetigen Mut zu Neuem beschreiben. Heute geniesse ich besonders die Arbeit in internationalen Teams und globalen Projekten.

Die grösste Lernkurve war die Wiedereingliederung in eine globale Matrix. Es dauerte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, ebenso wie an die formalen Prozesse, die mit der Arbeit in internationalen Unternehmen einhergehen. In dieser Rolle ist es auch wichtig, die Meinung anderer zu verstehen und miteinzubeziehen. Letztlich sind diese Entscheidungen aber im gesamten Unternehmen breiter abgestützt, was enorm hilft.

Verantwortung bringt sowohl Anerkennung als auch Kritik mit sich. In welchen Momenten sind Sie als CEO mit Schwierigkeiten konfrontiert?

Um ehrlich zu sein, bin ich nicht sehr mutig, wenn es um Personalentscheidungen, konkret Entlassungen, geht. Bei Menschen sehe ich immer auch ihre persönlichen Schicksale und lege da wohl nicht die gleiche Härte an den Tag wie andere. Ich suche immer nach einer Lösung, die auch die persönlichen Umstände miteinbezieht. Gleichzeitig gebe ich Personen auch gerne eine zweite Chance.

BlackRock ist einer der grössten Vermögensverwalter der Welt und beschäftigt weltweit mehr als 18’000 Mitarbeitende. Die global tätige Investmentfirma wurde 1988 gegründet und ist an der New Yorker Börse notiert. BlackRock ist seit 25 Jahren in der Schweiz präsent, 1996 mit einem ersten Büro in Zürich mit zehn Mitarbeitenden. Heute bietet BlackRock mit über 120 Mitarbeitenden in der ganzen Schweiz Anlagelösungen und -dienstleistungen. Insgesamt hat das Unternehmen in der Schweiz einen Marktanteil von rund 7 Prozent.

www.blackrock.com

Und was schätzen Sie als Manager mehr? Ein Ja oder ein Nein?

Ein Nein. Es erfordert mehr Kraft, Nein zu sagen und zu seiner Meinung zu stehen. Ja zu sagen ist oft leichter, vor allem, wenn man die Person schätzt. Nehmen Sie zum Beispiel meine drei Kinder, ich sage ungern Nein, aber manchmal ist es nötig. Im Arbeitsleben ist es beispielsweise schwer, jemanden gehen zu lassen, besonders wenn man die Person mag. Das fordert mich oft heraus und ich versuche, den richtigen Weg zu finden – zu motivieren und zu führen.

BlackRock befindet sich im Wandel und positioniert sich als nachhaltiger Investor. Welche Rolle spielen Sie bei dieser Transformation?

Von Anfang an war ich eine entschiedene Verfechterin nachhaltiger Anlagen und des Impact Investing – also der Sicherstellung, dass die finanzielle Rendite Hand in Hand mit einer positiven sozialen und ökologischen Wirkung geht. Impact Investing ist besonders herausfordernd. Wie finanzieren wir beispielsweise den Erhalt und die Regeneration der Natur? Das funktioniert nicht allein mit staatlichen Geldern und Regulierung. Auch der private Sektor muss seinen Beitrag leisten. Unsere Kund:innen bei nachhaltigen Anlagen zu unterstützen, ist eine meiner Hauptaufgaben. Ich versuche, durch mein breites Netzwerk im Bereich Nachhaltigkeit stetig auch neue Impulse in das Unternehmen einzubringen.

Sind Sie aus Ihrer Komfortzone herausgetreten, um diesen Wandel anzuführen?

Es braucht Zeit und Mut, Menschen auf diesen Weg mitzunehmen. Mut, weil es bedeutet, für eine Meinung und Überzeugung einzutreten, die oft noch nicht populär oder allgemein akzeptiert ist. Manchmal setzt man dadurch sogar persönliche Beziehungen aufs Spiel, die man im Laufe der Zeit aufgebaut hat. Aber für mich ist klar: Man kann nur mutig sein, wenn man Angst hat, etwas zu verlieren.

Kann man Mut erlernen oder trainieren?

Mut wächst meiner Meinung nach mit Erfahrung. Wenn man sich Kinder anschaut, sind sie oft mutig, aber auch oft naiv. Das liegt daran, dass Kinder noch wenig prägende oder schlechte Erfahrungen gemacht haben. Im Laufe des Lebens ist es möglich, dass man mit der Zeit seinen Mut verliert und zurückhaltend wird, weil man weiss, was schiefgehen kann. Diesem, aufbauend auf Erfahrungen, entgegenzutreten bedeutet Mut.

Dr. iur. Mirjam Staub-Bisang (53) ist seit 2018 CEO von BlackRock Schweiz. Darüber hinaus ist sie Mitglied des EMEA Executive Committee und Senior Advisor für BlackRock Sustainable Investing.

Staub-Bisang begann ihre Karriere als Juristin, nachdem sie an der Universität Zürich in Rechtswissenschaften promoviert und einen MBA an der INSEAD erworben hatte. Seitdem verfügt sie über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche bei der Commerzbank, Swiss Life und Merrill Lynch. Bevor sie zu BlackRock kam, gründete sie die Vermögensverwaltungsfirma Independent Capital Group. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Würden Sie sich also als Risikoträgerin bezeichnen?

Ich bin jemand, der Risiken sehr kalkuliert eingeht. In der Regel denke ich bei allem darüber nach, was schiefgehen könnte. Was ist das «Worst-Case-Szenario»? Dann überlege ich mir, ob ich damit leben kann. Wenn ja, dann sehe ich eigentlich nur noch Chancen und konzentriere mich darauf, Herausforderungen zu überwinden.

Zum Beispiel?

Ich denke an die Zeit zurück, als ich mit Mitte 30 mein eigenes Unternehmen gegründet habe. Schon damals habe ich gedacht: Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Selbst wenn alles in Flammen aufgeht, ist das nicht das Ende der Welt.

«Man kann nur mutig sein, wenn man Angst hat, etwas zu verlieren.»

Sie sind seit mehr als 20 Jahren im Finanzsektor tätig. Welche Veränderungen wünschen Sie sich für den Schweizer Finanzplatz?

Der Schweizer Finanzsektor benötigt eine engere Zusammenarbeit, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit. Im Vergleich zu einigen anderen Ländern in Europa lässt die Schweiz mit ihrer prinzipiengestützten Regulierung im Finanzbereich mehr Unternehmertum zu, was auch zu mehr Wettbewerb führt. Aber im Bereich der Nachhaltigkeit muss man das Wettbewerbsdenken teilweise beiseitelassen und stattdessen auf enge Zusammenarbeit setzen. Letztendlich geht es um die Erreichung von Zielen im Interesse der Gemeinschaft.

Ist ein Fortschritt in Sicht?

Die verschiedenen Akteure in der Schweiz haben erkannt, dass sie enger zusammenarbeiten müssen, um Netto-Null bis spätestens 2050 zu erreichen. Es gibt bereits erste Bemühungen der Zusammenarbeit zwischen dem Finanzsektor und der Realwirtschaft  Auch ich trage meinen Teil dazu bei, dieses Narrativ voranzutreiben. Derzeit untersuche ich beispielsweise im Rahmen einer Arbeitsgruppe des World Economic Forum die Finanzierung sogenannter «nature-based solutions». Das sind beispielsweise Investitionen in Mangrovenwälder, um Überschwemmungen und Erosion in Küstengebieten zu verhindern.

Interessiert an nachhaltigem Investieren? Melden Sie sich jetzt zur Sustainable Finance Conference am 9. November an.

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Sie sind an der Spitze der Schweizer Finanzindustrie angelangt. In Ihrem Lebenslauf steht aber auch Anwältin, Autorin, Direktorin und Verwaltungsratspräsidentin. Was treibt Sie an, neue Herausforderungen anzunehmen?

Ich bin unglaublich neugierig und hatte schon immer einen starken Appetit auf neue Herausforderungen und darauf, Neues zu entdecken. Ich liebe es, neue Ideen mit den Menschen in meinem Umfeld zu teilen, zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Was bringt die Zukunft? Welche langfristigen Lösungen brauchen wir, um die aktuellen und künftigen Probleme der Gesellschaft anzugehen? Diese Gespräche motivieren mich, in neue Bereiche vorzustossen.

Die Kehrseite der Medaille zeigt sich, wenn eine Tätigkeit zu repetitiv wird. Dann erachte ich diese schnell als langweilig und ich will mich neuen Aufgaben widmen.

Was ist derzeit Ihr wichtigstes Lieblingsprojekt?

Die Erhaltung der Natur. Das muss finanziert werden und Beachtung finden, daran müssen wir arbeiten. In meiner Position habe ich eine Stimme, was hilft. Es gibt aber noch viele andere wichtige Institutionen in der Finanzindustrie wie auch der Realwirtschaft, die mit am Tisch sitzen müssen. Zusammen mit der Politik und der Innovationskraft der Forschungsinstitute kann in diesem Bereich Grosses erreicht werden.

Mirjam Staub-Bisang – Ganz persönlich

Beim Begriff «Mut» denke ich als Erstes an …
die ukrainischen Männer und Frauen.

Mut hat für mich die Farbe …
Rot.

Mein Mut-Vorbild ist …
meine Tochter.

Dieses Tier verkörpert meinen persönlichen Mut am besten …
jede Mutter, die ihre Jungtiere verteidigt.

Wer mutig entscheiden will, muss …
Angst haben, etwas zu verlieren.